Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Eigentlich fuhr ich in die vollkommen verkehrte Richtung – ich war beim Kirbachtal-Lauf für den sogenannten Stromberg-Extrem gemeldet. Zum dritten Male wäre ich dort gestartet. Ein wunderbarer kleiner Landschaftsultra durch die Weinberge und Wälder rund um Ochsenbach bei Ludwigsburg. So wäre die A6 nach Westen meine Richtung – ich fuhr jedoch kurz nach Osten, um dann nördliche Richtung nach Würzburg und Kassel weiterzufahren. Der Lauf wurde mangels Beteiligung abgesagt und so war ich auf dem Weg zum Bilstein-Marathon, um dort den Ultra (57km) zu laufen. Das war mein kurzfristiger Ersatz. Ich musste schon einen Tag vorher anreisen, denn der ca 4stündige Anfahrtsweg und die Startzeit um 8:30Uhr vertrugen sich nicht. Ich kam gut durch den Samstagsverkehr nach Kleinalmerode – pünktlich zur Startunterlagenausgabe (in einem ehemaligen Tante-Emma-Laden) und zum überwältigenden Nudelbuffet (7,50€ Beitrag) im Bürgerhaus war ich da. Viele Läufer kennen den BiMa, wie er liebevoll genannt wird, vom vergangenen Jahr, denn dort wurde die Trail-DM auf einer leicht modifizierten Strecke (65km) ausgerichtet. Nun hieß es: Back to the Roots – und es wurden wieder die vormals 57km gelaufen, für mich ist Premiere hier.

BiMa 1

Kaum stieg ich aus dem Auto, fiel ich fast über Karl Rohwedder und seine Frau Cornelia. Ich hatte Sie heuer schon mehrmals bei Läufen getroffen und der Höhepunkt werden 19 gemeinsame Etappen beim Deutschlandlauf sein. Er meinte, ich müsse morgen wohl nicht frieren, wie vergangenes Wochenende am Seiler See – gut so!

Ich holte meine Unterlagen und ging alsbald zur Pastaparty – geschätzte 30 verschiedene Nudelgerichte gab es hier, da war wirklich für jeden das Passende dabei. Ich führte einige, interessante Läufergespräche und ließ es mir reichlich schmecken. Nebenbei warf ich einmal einen kurzen Blick auf die ausgehängte Ultralaufstrecke samt Höhenprofil (ca 1.500HM), aber wie sich am nächsten Tag herausstellen sollte, nicht aufmerksam genug.

Anschließend fuhr ich in mein Quartier ein paar Dörfer weiter – sehr ländlich hier, dachte ich mir auf der Fahrt dorthin. Nach etwas Fernsehen und einer halben Stunde Stabi-Training bereitete ich alles für den nächsten Tag vor und schlief gut.

Die Zimmerwirtin hatte mir ein Frühstück ab 6Uhr zugesichert – man hatte sich auf die Startzeiten des BiMa eingestellt und die Wanderer des Marathons starteten bereits um 7:30Uhr.

So erreichte ich den Startpunkt zeitig um 7:45Uhr, es wurde gescherzt und Läufergeschichten ausgetauscht, so verging die Zeit wie im Flug – 8:30Uhr, Startschuss und los ging es.

BiMa 0

Es war neblig und etwas frisch, deshalb hatte ich mich für ein Shirt mit langen Ärmeln (minimal zu warm) entschieden, die knielange Hose ist absolut ideal. Anfangs ging es flach, sogar etwas bergab, doch das änderte sich schnell. 1.500HM auf 57km müssen ja irgendwo „versteckt“ sein. Im Allgemeinen wurde auf gut laufbaren Feldwegen – manche bezeichnen sie als Forstautobahnen (ist dann doch übertrieben) gelaufen – doch der Organisator Gerno Semmelroth rühmte sich auch seiner Trailpassagen, die hatten es in sich und da war große Aufmerksamkeit angesagt.

Ich komme ganz gut voran und bemerkte keine bösen Nachwirkungen vom Seiler See letztes Wochenende. Wir waren irgendwo bei Km 25-30 und hatten einige nette Trails und tolle Ausblicke schon hinter uns, als es leicht bergab über einen Wurzelpfad durch dichten Wald ging. Für mich bedeutete das Alarmstufe ROT. Da ich nur auf einem Auge sehe, ist bei mir höchste Aufmerksamkeit gefordert. Kein Blick zur Uhr (sie gibt akustische bzw vibrierende Signale). Wenn ich zu weit vorausschaue, besteht große Gefahr eine Wurzel oder sonstiges direkt vor mir nicht mehr präsent zu haben …. und auf die Fresse zu fliegen – dieses Szenario kenne ich zur Genüge, selten viel passiert, aber wer sagt denn, dass es so bleibt. Weiter in rasanter Fahrt (geschätzte 5:30 Pace) über Stock und Stein – ich hörte ein Klack, so wie sich ein Hängenbleiben an einer Wurzel anhört ….. fliege ich schon? Nein – ausnahmsweise war das mein Vordermann. Bis ich bei ihm war, rappelte er sich schon wieder auf. Ich half ihm auf und er versichert mir: Alles Okay! Nochmals umgedreht – schien so …. Und weiter ging es. Während der nächste VP nahte, bemerkte ich, wie mich das anstrengte – mit einem Auge ist das Blickfeld nun mal eingeschränkt, doch mit diesem Handicap bin ich ja aufgewachsen – mir kam ein Vergleich in den Sinn. Ein PC (Virtualisierungsrechner) müsste all diese Eindrücke in Echtzeit verarbeiten und die Gliedmaßen entsprechend steuern – linkes Bein, Ausfallschritt, rechtes Bein weiter nach rechts , linker Arm ausholen zur Gleichgewichtsverlagerung …. und dergleichen – unterwegs mit 5:30min pro KM. Ich denke, es bräuchte schon einen halbwegs leistungsfähigen Rechner, der damit klarkommen würde und gerade im Moment hätte der Prozessor wohl Schwerstarbeit zu verrichten, würde eventl sogar heißlaufen…. Was für eine Vorstellung – sie amüsierte mich geradezu. An der VP versuchte ich meine Eindrücke in Kurzbeschreibungen zu artikulieren – ich hörte den Kommentar: Der ist ja KRASS drauf – ich musste grinsen und weiter ging es.

Ein Motto des BiMa: Flach ist anderes – wie wahr! Es ging quasi nie eben, stetig auf und ab – in meinem Hinterkopf hatte sich eingeprägt: höchste Stelle war bei ca 48-50km am Bilstein. Das war falsch – Bilstein stimmte, doch der war bei KM43 erreicht. So passierte es – ich lief ca KM38 (längere Bergabstrecke hinter mir), war mit meiner Pace nimmer so zufrieden – dachte grade so, das wird nix mit „an die 6Std“ –da kam ja noch viel Berg hoch, also wohl eher 6:15 – 6:30Std. Nun sah ich auch schon einen langgezogenen Anstieg vor mir …. Und das war sicherlich noch lange hin zum Hauptaufstieg…. Ich ärgerte mich grade ein wenig – was also tun?

Dieser Anstieg vor mir war ja nicht der Anstieg zum Bilstein und ich war jetzt schon „zu langsam unterwegs“ – nun hochgehen, wie all die Anderen …. normalerweise auch ich – NEIN! Ich versuchte es mit einem banalen Psychotrick: Das ist kein Berg, das sieht nur ein wenig so aus – also laufe gefälligst. Ich versuchte es und es ging tatsächlich …. Ich lief… es wurde steiler und ich lief weiter und lief weiter. Ich sah überraschte Blicke meiner Mitläufer (im Augenblick mehr Geher) – die ich gerade überholte. Da waren eisige, fast giftige Blicke dabei – ja wenn Blicke töten könnten … ich spürte sie im Rücken und genoss sie – stechende Blicke – wunderschöööön. Da vorne blickte sich einer um, lief auch an …. um nach 100m wieder in den Schritt zu verfallen, ich trabte auch an ihm vorbei *HERRLICH*

Was würde mich dieser Raubbau an meinen Kräften kosten? Mir war es gerade sowas von egal! Ich lief weiter und weiter bergauf – es nahm kein Ende und ich lief nach ca 2-3km immer noch. Erst als ich plötzlich noch etwas entfernt eine Blaskapelle hörte, keimte in mir der Verdacht, dass das der Bilstein-Gipfel sein könnte, denn ich hatte von der Blaskapelle am Berg gelesen. Immer noch ungläubig lief ich an der Musik vorbei – feuerte sie noch an, dann ging's an einer Ausflugsgaststätte vorbei – ein kleiner VP. Ich frage: Bin ich oben am Bilstein, ist das der höchste Punkt? Tatsächlich, so war es – ich jubelte innerlich – viel bergauf sollte nimmer kommen. Es ging erstmal etwas gefährlich ca 1km zum nächsten, "echten VP" abwärts – ich war immer noch verhalten und ungläubig. Am VP zweigten nun die Halb-Marathonis ab, wir liefen nach rechts. Ich wollte es nochmals hören – ja das war der höchste Punkt, nun hauptsächlich bergab! Ich sah eine langgezogene, leicht kurvige Downhill-Strecke – das lasse ich mir nicht zweimal sagen …. Mit breiten Grinsen jagte ich bergab – ich holte mir einen nach den anderen Läufer, die da so vor mir waren – ob Marathonis oder Ultras – einerlei, auch ein paar Wanderer sind unterwegs. Ich rannte – nein ich "flog" den Berg hinunter. Ich konnte es mir geradezu aussuchen, wann und wie ich den nächsten überhole – da wehrte sich einer. Ich blieb hinter ihm …aber nur für 10sec – dann nahm ich die „Innenbahn“ und ließ ihn quasi stehen *JUCHEEE*

So jagte ich KM und KM abwärts – über jeden Läufer vor mir freute ich mich – heute wurden keine „Gefangenen“ gemacht! Doch wie lange konnte ich das durchhalten? Würde das gut gehen? Was war beim nächsten „kleinen Anstieg“? Der nächste Trick, ich redete mir ein: Was soll schon sein – ich lasse es darauf ankommen!

BiMa 2

Ich genehmigte mir 2x kurz Zeit für einen Blick zur Laufuhr – KM in 4:45min, nächster KM in 4:48min. Wahnsinn – und ich lief auf KM51 zu. Es kam dann tatsächlich ein kleiner Anstieg – egal ich gab weiter Gas … ob es mich gleich zerlegt? – die CPU hat keine Ruh‘ – ich jagte weiter. Da vorne der leichtfüssige Läufer mit Hund (mit eigener Start-Nr.) der mich schon bei KM15 hinter sich ließ – ein Opfer! Nun eine Läufergazelle (so bezeichne ich fast schwebende, schnelle und ausdauernde Läuferinnen, die so ca 50kg wiegen) – auch ein Opfer …..

Wieder bergab, aber heftig da stand in einer engen Kurve ein Schild: VORSICHT – ich hab’s gesehen, aber galt das auch für „Tiefflieger“ – JA!! Fast hätte es mich aus der Kurve geschmissen – da steht eine Läuferin, sprang zur Seite, da ging es eine steile Treppe hinab – ich sprang ….. und alles geht gut *WOW*

Nun sollte noch ein Trailstück kommen und ein letzter Anstieg – hatte ich eben am VP vernommen … das Trailstück wird knifflig, eine Art schmale Serpentine abwärts, gespickt mit Steinen und ein paar Wurzeln – da vorne lief noch einer, eine Art Hipster … zumindest sein Bart sieht so aus.

Es war ein junger Hipster, der sich heftig wehrte …. Ich kam tatsächlich an ihm vorbei. Dann bergauf – ich musste nun doch ein paar Schritte gehen – er auch … er ließ nicht locker. Wir überholten uns jeweils nochmals, als es noch ca 800m zur Ziellinie waren, hatte er dann doch die größeren Reserven, auch gut! Im Ziel sah ich, dass er ein Marathoni und kein Ultra war – ich beglückwünsche ihn und er erzählte mir, es ist sein erster Marathon gewesen – das hatte ich doch schon am Bleilochsee. Ich musste einfach nur noch ganz breit grinsen – was für eine Hatz heute, hat das Spaß gemacht! Wo kam die Kraft her - ich hab sie mir einfach genommen – das war heute mal Wettkampf pur. Ein 20.Platz bei über 120 Starter (AK55 Platz 3) – die AK50 hätte ich mit meinen 5:46Std gewonnen.

BiMa 4

Ich gönnte mir eine leckere Bratwurst, fuhr mit dem Feuerwehr-Shuttle zum Duschen ins Sportheim, anschließend noch aus der Riesenauswahl Kuchen bedient, ein paar Kaffeeschwätzchen und fuhr dann die 4 Std nach Hause … immer noch mit breiten Grinsen! Ein gelungener Ausflug zum Bilstein!

Hier das Ergebnis:

MWPl Startnr. Name Jahrg. m/w AK Verein Zeit

18. Roland Krauss 1962 m Senioren M55 LG Ultralauf / 100 Marathobclub 5:46:10

38. Karl Rohwedder 1955 m Senioren M60 100 Marathon Club 6:11:53

12. Cornelia Rohwedder 1965 w Seniorinnen W50 LG Mauerweg Berlin e.V. 6:39:19

BiMa 3

Extrawertung:

Hund 1. 33 Bella Moya 1920 Crazy Running Team 5:49:52

Text: Roland Krauss, Fotos: Hartmut Neugebauer, Benjamin Sperl und Roland Krauss, 11.5.2017