Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

MWL 07Es war schon ein recht mutige Ansage, als Zugläufer eine Gruppe auf die sichere Bucklezeit von 23:45 führen zu wollen, da es doch einige Unwägbarkeiten gibt und auch mein Trainingszustand eher Zweifel schürte. Im Vorfeld hatte ich mir genauestens einen Plan überlegt und veröffentlicht. Und damit eine riesige Diskussion ausgelöst. Wie läuft man eigentlich 100 Meilen? In welchem Tempo startet man? Wie viel Zeit für Pausen benötigt man an den VPs? Einen schlauen Plan zu entwerfen ist die eine, ihn umzusetzen die andere Seite der Medaille. Und ich brauche natürlich auch eine Gruppe, die mir folgt und die 23:45h auch drauf hat. Auf so einem Kurs einen minutiösen Zeitplan für eine unbekannte Gruppe anzubieten war schon eine interessante Idee ohne beispielhafte Vorbilder. So kam es, dass ich doch mit einer gewaltigen Portion Respekt vor der Aufgabe und ziemlich aufgeregt am Start stand.

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Kurz vor dem Start trafen sich einige LG Ultralaufläufer zu einem Foto: Alexander Lauterbach, Carsten Bölke, Dietmar Rosenau, ich, Norbert Künkel, Roland Kraus, Hans-Uwe Zietlow. Dahinter: Regina Künkel.

Es gab leider nur wenig Werbung für die Aktion und einen Ballon oder ähnliches hatte ich auch nicht. So war ich froh, dass wenigsten eine Handvoll Läufer mir sagten, dass sie gemeinsam mit mir laufen wollten. Allerdings gab es einige, die meinen Plan gelesen und für sich modifiziert hatten. Ich plante immer von VP (Versorgungspunkt) zu VP. Beim Verlassen kam eine Ansage wie: „Der nächste VP ist in 5 km, wir laufen in einem Tempo von 7:15 min/km und machen nach 1,5, 3 und 4,5 km eine einminütige Gehphase und erreichen dann in 45 min den nächsten VP.“ Eingerechnet in diese Zeit war auch je Teilstrecke eine Pausenzeit von 2 Minuten für Ampeln, Fotos, Durchlesen von Tafeln, Wegsuchen oder sonstige Gründe, um einmal kurz stehen zu bleiben. Am VP wollten wir dann anfangs zwei später drei, manchmal 5 und an den Dropbackstationen sogar 10 Minuten investieren, um gründlich die Energievorräte aufzufüllen. Auf meinem Zettel stand für die einzelnen Laufsegmente von VP zu VP immer das Bruttotempo, also ein Durchschnittswert aus Laufen, Gehen und Pausieren. Und meine schwierige Aufgabe bestand darin, einerseits eine geschickte Aufteilung zwischen Lauf- und Gehzeiten zu wählen und andererseits ein passend langsames Lauf- und Gehtempo anzuschlagen, um möglichst die Muskelermüdung so niedrig wie möglich zu halten und exakt die Ankunftszeit am nächsten VP einzuhalten. Aber ein Plan ist ein Plan und in der Praxis musste häufiger variiert werden, als man denkt. Denn es gab Steigungen, an denen immer gegangen wurde oder Kopfsteinpflasterpassagen oder Trailabschnitte, bei denen es die Verletzungsvermeidungsstrategie gebot, vorsichtig zu gehen. Manchmal standen wir länger an einer Ampel und dann lief manchmal die Laufzeit wieder von vorne. War ein bisschen Rechnerei, Tempogefühl und auch Glück, aber zur Verblüffung der Mitläufer passten die Zwischenzeiten an allen VPs beinahe perfekt. Die ersten VPs lagen dort, wo sie sollten; wir waren im geplanten Tempo unterwegs, nur gab es keinen Grund für eine Pause und so erreichten wir etwas zu früh die ersten VPs. Zack einen Becher rein und nun? Eigentlich waren hier zwei Minuten vorgesehen, aber hier Zeit wartend verstreichen zu lassen, machte ja keinen Sinn, also weiter - den Puffer werden wir später besser nutzen können.

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Zwischen VP1 und VP2 gab es die Stelle, wo an die an der Mauer bei einem Fluchtversuch getötete Dorit Schmiel gedacht wurde, die diesem Mauerweglauf beispielhaft für all die Mauertoten ein Gesicht und eine traurige Geschichte gibt. Mehrmals blieben wir an Erinnerungs-Tafeln stehen, lasen uns durch, wer hier sein Leben verlor und diskutierten darüber, wie tief die Verzweiflung wohl sein muss, dass man sein Leben für einen Fluchtversuch riskierte. Der Mauerweglauf ist einmalig. Wie der Ideengeber und langjährige Organisator Ronald Musil im Briefing erzählte, soll der Mauerweglauf Sport und Geschichte verbinden. Die Geschichte ist auf dem Weg, aber auch beim Briefing und der Siegerehrung so präsent, dass man sich als Teilnehmer dem nicht entziehen kann. Plötzlich war ein Laufsegment viel zu lang. Meine Uhr zeigte 500m mehr Strecke an als auf dem Hinweisschild des VPs angegeben. Hatten wir vorher vermeintlich einen kleinen, zeitlichen Vorsprung, so war er auf einen Schlag weg. Am Ende des Weges zeigte meine GPS-Uhr über 164 km an – von zwei kleineren Abweichungen abgesehen, an denen wir uns mehr von Berlin anschauten als vorgesehen, lag das wohl an GPS-Ungenauigkeiten oder der Weg war schlicht länger, als die angegebenen 161,7 km. Eine ganz wichtige Planungsgröße war die Distanz zwischen den VPs. Waren die VPs in der ersten Hälfte etwa da, wo ich sie erwartete, so war das auf der zweiten etwas ungenauer, da war schon einmal das eine Teilstück 500m länger, dafür ein anderes 400m kürzer – in Summe wurde die mit meiner Uhr gemessene Strecke im Vergleich zu den Angaben an den VPs immer größer. Das machte meine Aufgabe als Pacemaker nicht einfacher. Die Plan- und Ist-Zeiten kann man übrigens im Internet leider nicht immer vergleichen, da meist die Zeit beim Verlassen der Stationen genommen wurde, aber nicht immer.

Etwa nach 25 km löste sich ein Teil der Gruppe nach vorne. Sie hatten wohl mehr drauf und alle erreichten auch sehr gute Endzeiten. Einer von ihnen, Carsten, meinte zu dem gemeinsame Beginn: „Endlich einmal vernünftig langsam gestartet!“ Ein anderer Mitläufer, der auch Carsten hieß, hatte zwei Begleiter ohne Fahrrad, die sich am VP3, bzw. VP5 der Gruppe anschlossen. Außerdem waren noch Norbert und Alex sowie Lauf- und Radbegleiter bei der Gruppe. Gemeinsam liefen, wanderte, plauderten wir – die Zeit verging wie im Fluge.

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Unsere nette Gruppe für viele Stunden

Der Regen war meist schwächer, selten stärker, die Temperaturen waren läuferfreundlich – alles im grünen Bereich. Carsten verabschiedete sich unerwartet frühzeitig aus der Gruppe und musste das Rennen sogar später beenden. Am Dropbackpunkt in Sacrow bei km 71, verabschiedete sich auch Norbert aus der Gruppe, Alex wollte sich nur kurz umziehen und verschwand. Ich hatte meine Regenjacke, die Wasserflasche (Pflichtausrüstung), Lampe, Erste-Hilfe-Set (man weiß ja nie) in meinem Rucksack und hatte keine Dropbacks abgegeben. Dennoch macht so ein Wechsel zur Hälfte der Strecke Sinn, denn vom Regen waren insbesondere die Socken nass und können schnell Ursache für Blasen sein. Genau dafür hatten wir ja 10 Minuten Pause vorgesehen. Ich wartete und futterte die Theke leer, die übrigens bestens mit allerlei Leckereien ausgestattet war und wartete und wartete. Gefühlte 20 Minuten, tatsächlich waren es wohl um die 15 Minuten bis Alex wieder auftauchte. Na prima – 5 Minuten Rückstand, einfach so. Egal, er war aktuell mein einziger, verbliebener Mitläufer und so konnte ich viel Rücksicht auf ihn nehmen.

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Alex lief über 100 km mit mir zusammen. Wir verstanden uns prima.

Kurze Zeit später liefen wir auf Erich auf, der sich der Gruppe für ein paar Stunden anschloss. Mittlerweile waren wir im Überholmodus. Einige wanderten, andere liefen ein langsameres Tempo. Mit unserer Methode Laufen und Wandern kamen wir gefühlt flott voran. Mittlerweile hatten wir den Rhythmus umgestellt, und liefen 4 Minuten und wanderten dann geplant 1 Minute aus der dann doch meist 2 wurden.

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Wir nahmen uns durchaus Zeit für ein paar Fotos

Das Zeitgefühl war komplett abhanden gekommen. Es wurde Abend und ein paar derer, zu denen wir aufschlossen, schlossen sich der Gruppe an, so dass sie auf bis zu 8 Personen anwuchs. Unter ihnen Vereinskollege Jürgen, der recht zügig gestartet war, ein erstes Tief überwunden hatte und nun froh war, dass er sich einer Gruppe anschließen konnte, die ihn motivierte und mitzog. Ab Kilometer 130 wurde es schwer für mich. Mangelndes Training kann man halt nur begrenzt durch Erfahrung kompensieren. Meine Beine wurden schwerer und auch mental war eine Ermüdung leicht erkennbar, nicht mein Zeitgefühl war dahin. Wir hatten mittlerweile einen Rhythmus von 3,5 min laufen und 1,5 min wandern. Die Zeit hatte dabei zwei Geschwindigkeiten, während die 3,5 min ewig brauchten, um zu verstreichen, war die Wanderzeit mit einem Wimperschlag um. Dann gab es Stellen, wo meine Aufmerksamkeit litt: Waren da keine Pfeile mehr oder sehe ich sie nicht? Sind die Pfeile auf einmal alle weiß statt gelb? Die Konzentration sank, Rechnen fiel mir zunehmend schwerer. Dazu kam, dass die Entfernungen zwischen den VPs nicht stimmten und meine gelaufene Distanz mittlerweile eine Abweichung von über 2 km anzeigte. Treptow, Friedrichshain, Kreuzberg am frühen Morgen einer dunklen Nacht zeigte auch Berlin von einer dunklen Seite und trugen sicher nicht zur Erheiterung bei. Da die Markierung hier wahrscheinlich gut, aber für uns in unserem Zustand nicht so gut zu finden war, hatte ich auf meiner Uhr auf „Track anzeigen“ umgestellt; die Daten Laufzeit und verbleibende Distanz waren die wichtigsten Informationsquellen. Zum Rechnen war mein Kopf allerdings zu blutleer. Mein Tempogefühl beim Laufen klappte aber noch so einigermaßen und so kamen wir wie geplant weiter. In der Gruppe machte der Lauf aber dennoch viel Spaß.

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Diei Versorgungspunkte waren bestens ausgestattet und wurden von engagierten Helfern nett betreut.

Vermutlich war ich der einzige, der kräftemäßig am Limit war, aber man wollte gemeinsam bis zum Ziel zusammenbleiben. Das änderte sich aber ziemlich unerwartet. Am drittletzten VP meinte mein Magen, er müsse abgeben, was in den letzten Stunden zu viel gegessen wurde. Da nach so einer langen Wachphase nichts mehr schnell geht und meine Mitläufer etwas ungeduldig waren, kam ihnen plötzlich die Idee, ich hätte vom Dixi einen Hinterausgang gefunden und wäre bereits alleine weitergelaufen. Und weg waren sie. Jürgen, der eigentlich gar keinen Buckle brauchte, trottete eher widerwillig den davonsprintenden Gesellen hinterher. Als ich kurze Zeit später vom Dixi kam, war die Gruppe auf jeden Fall weg und ich alleine. Ich also hinterher und traf auch einige Zeit später Jürgen und eine kleine Gruppe, die ebenfalls fest den Buckle im Blick hatte. Der Buckle reichte mir aber nicht, denn ich wollte schon eine 23:45 als Zielzeit stehen haben und ich konnte die Gruppe motivieren, ab und zu zu laufen; damit sollte die 23:45 leicht machbar sein. Doch beim Bundestag haben wir eine Extrarunde zum Kanzleramt eingestreut, die uns etwa 5 Minuten kostete. Jetzt wurde es eng. Genau wegen solchen Szenarien kurz vor Schluss würde ich nie 23:59 planen, sondern immer einen Puffer mit ins Ziel nehmen. Aber gut, also noch weniger wandern und mehr laufen, passt schon. Nun musste Jürgen allerdings auch noch einmal das Dixi aufsuchen, 4,5 km laut Schild vor dem Ziel, 4,7 nach meinem Track. Nun gut, muss sein. Ich wartete eine halbe Ewigkeit und leerte aus Ungeduld die Haribos am VP. Endlich kam er befreit wieder und wir konnten zum Endspurt übergehen. Mit Mühe konnte ich Jürgen überzeugen, dass eine 23:47 besser als eine 23:48 ist und eine 23:5x gar nicht geht, was ihm persönlich eigentlich egal war. Als Kompromiss schlug er vor, ab und zu den „Sprint“ durch eine Gehphase zu unterbrechen. Schließlich überquerten wir nach 23:46:51 die Ziellinie! OK, eine Minute zu langsam, aber dennoch nahe dran an perfekt. Glücksgefühle und Stolz überwältigten mich. Ich konnte es kaum fassen, dass es geklappt hat.

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Auch wenn das Foto qualitativ nicht so gut ist, gehört es hierhin: Jürgen und ich waren beide so happy, als wir ins Ziel kamen. 

Der Lauf verlief tatsächlich sehr nahe am vorausgesagten Ablauf, die Steuerung war allerdings deutlich schwieriger als gedacht, insbesondere auf der zweiten Hälfte. Leichter als gedacht war hingegen die Führung der Gruppe, die völlig ohne jede Diskussionen jeden Wechsel und jedes Tempo mitmachte. Insgesamt hatte die Aktion viel Spaß gemacht. Ich war schon oft bei Marathons Zugläufer, aber dieses Mal war es schon eine ganz schwierige Aufgabe. Bei den Gesprächen am Rande der Siegerehrung gab es nicht nur viel Anerkennung, sondern auch die Ansagen, das nächste Mal sich der Gruppe anschließen zu wollen. Das nächste Mal? Das Magische des Ultralaufens ist doch die Singularität aller Rennen. Keine Ahnung, ob es zu einer Wiederholung kommt.

Aber der Mauerweglauf 2017 war auch ein Treffen vieler LG Ultralaufmitglieder.

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Patrick Hösl erreichte als schnellster Läufer aus der Gruppe den dritten Platz der Gesamtwertung.

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Von Müdigkeit keine Spur: Carsten Bölke und Alexander Lauterbach nach dem Lauf, vor der Siegerehrung.

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Jens Kruse mit seinem Radbegleiter.

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Ein Gruppenbild mit fast allen LG Ultralaufteilnehmern. Matthias Landwehr, Hans-Uwe Zietlow, Patrick Hösl, Norbert Künkel, Carsten Bölke, Alexander Lauterbach, Jens Kruse, Roland Kruass, Michael Irrgang, Christian Pflügler

Veranstaltungshomepage: Hier

Vorbericht: Taktik für 100 Meilen in 23:45h

Text und Fotos: Michael Irgang, 15.08.2017