Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Gre 01Zugegeben, als ich mich vor einigen Monaten beim Ut4M Xtrem anmeldete, hatte ich nicht den Hauch einer Vorstellung davon, was es bedeutet, 169 km mit über 11.000 Höhenmetern durch die französischen Alpen zu laufen. Es wäre sicherlich ein unglaublich eindrucksvolles Erlebnis und ich würde vorher ja noch viel Zeit zum Trainieren haben. Das Zeitlimit von 51 Stunden erschien mir ebenfalls gut machbar; eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 3,3 km/h sollte selbst wandernd gut zu schaffen sein. So meldete ich mich also zuversichtlich an und startete hoch motiviert ins Training. Bis Mitte Juni lief die Vorbereitung planmäßig, aber durch die Verkettung einiger ungünstiger Umstände hatte ich seitdem immer wieder leichte Schmerzen im rechten Mittelfußbereich. Um die Teilnahme nicht gänzlich zu gefährden, reduzierte ich die Laufumfänge drastisch, machte viele Radtouren und Krafttraining. Einem letzten kleinen Lauftest ein paar Tage bevor wir nach Grenoble fuhren hielt der Fuß glücklicherweise stand.

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So fühlte ich mich am Start zwar insgesamt recht gut in Form (eine drohende Erkältung hatte ich durch konsequenten Zitronenkonsum abwehren können), war mir jedoch vollkommen unsicher, ob ich diese umfassbare Strecke wirklich bewältigen können würde. Es gab einfach zu viele Faktoren, die eine Rolle spielten. Schaffe ich es genug zu essen? Wie wird sich das Gewicht meines Rucksacks nach 30 oder 40 Stunden anfühlen? Kann ich wirklich zwei Tage und Nächte ohne Schlaf durchlaufen? Dix, neuf, huit. Antworten auf diese Fragen galt es nun unterwegs zu finden. Trois, deux, une. Und los ging die Reise.

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Die ersten Kilometer führten bei 35°C mitten durch die Stadt. Bereits jetzt hatte ich das Gefühl, kaum von der Stelle zu kommen. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Für einen kurzen Moment dachte ich an Steven Kings „Todesmarsch“. Glücklicherweise wurde es am Fuße des ersten Bergmassivs etwas schattiger. Ich klappte meine Stöcke aus und marschierte los. Zunächst ginge es auf Asphalt, dann auf breiten Forstwegen und schließlich über die Treppenstufen der alten olympischen Skisprungschanze immer steiler bergauf. Mein Wasservorrat von 1,5 Litern war bereits aufgebraucht, aber bis zum ersten Verpflegungspunkt sollte es nicht mehr allzu weit sein. Die Jubelrufe der Zuschauer und Helfer konnte ich bereits hören.

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Wasser auffüllen, zwei Orangenscheiben essen und etwas Studentenfutter für unterwegs einpacken. Weiter durch die Abendsonne und die Dämmerung. Auf dem ersten Berggipfel angekommen bot sich ein atemberaubender Blick über die Lichter Grenobles. Ich hielt kurz inne und genoss den Moment. Dafür lohnen sich doch alle Strapazen. Nun ging es durch die Nacht. Zwar war es mittlerweile deutlich kühler geworden, die Luftfeuchtigkeit in den Wäldern blieb jedoch beständig hoch. Plötzlich funkelte etwas auf dem Waldboden. Bei genauerem Hinsehen stellte ich fest, dass es die Augen einer recht großen Spinne waren, die das Licht meiner Stirnlampe reflektierten. Ich freute mich über die Entdeckung, da ich so etwas zuvor noch nie gesehen hatte. Was sich die Spinne wohl beim Anblick der Läufer denkt, die zu hunderten mitten in der Nacht durch den Wald kraxeln? Vermutlich nicht viel, denn sie hat ja nur ein rudimentäres Gehirn. Egal. Meine Gedanken schweiften ab. Nach einiger Zeit beobachtete ich, wie sich ein paar Läufer zum Schlafen einfach an den Wegesrand legten. Mir war unbegreiflich, wie sie im unsteten Lichtkegel des Stirnlampenzuges schlafen konnten – zumal wir noch gar nicht so lange unterwegs waren.

Nach etwas mehr als 8 Stunden erreichte ich das erste Basecamp. Ich fühlte mich sowohl konditionell als auch muskulär noch sehr frisch und pausierte nur kurz, um eine Nudelsuppe zu essen. Meinen Dropbag benötigte ich gar nicht. Anschließend ging es eine Zeitlang auf Asphalt weiter. Plötzlich spürte ich die altbekannten Schmerzen im rechten Fuß und meine Stimmung schlug schlagartig um. Verdammt! Würde ich jetzt schon nach gerade einmal 40 km aufhören müssen? Ich beschloss ein Stück zu gehen und genau zu überlegen, was nun die beste Strategie war. Abgesehen von den leichten Fußschmerzen fühlte ich mich sehr gut und wollte unbedingt noch einen weiteren Teil der Strecke bei Tageslicht genießen. So entschied ich mich schließlich dazu, mit reduziertem Tempo weiterzulaufen und eine leichte Schmerztablette zu nehmen, was ich zuvor noch nie während eines Laufs getan hatte. Einen Versuch erschien es mir dennoch wert. Kurz darauf waren die Fußschmerzen tatsächlich weg und ich gewann Zuversicht, dass ich es vielleicht doch bis ins Ziel schaffen könnte.

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Wieder ging es stundenlang rauf auf ein Bergmassiv. Die Hochflächen Oisans mit ihren zahlreichen Bergseen waren unglaublich schön. Die Zeit verging wie im Flug und ehe ich mich versah, fand ich mich auch schon beim steilen Abstieg in Richtung des zweiten Basecamps. Auf einer Strecke von etwas mehr als 5 km galt es ca. 1.500 Höhenmeter hinabzulaufen. Das ging ganz schön in die Oberschenkel. Nach einer Weile erblickte ich plötzlich ein bekanntes Gesicht. Das war doch nicht etwa…? Doch! Mein Freund Jens kam mir strahlend lächelnd entgegen gewandert. Wie ich mich freute ihn zu sehen! Bis zum Basecamp sei es nicht mehr weit, sagte er, und unten würden auch schon Martina, Babsi und Markus auf mich warten. Es war mittlerweile wieder furchtbar heiß geworden, aber durch Jens Begleitung gewann ich neue Energie und erreichte das zweite Basecamp nach etwa 20 Stunden.

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Die anderen begrüßten mich herzlich und halfen beim Boxenstop. Ich aß ein paar Nudeln mit Tomatensoße und spritze mir Arme, Beine, Kopf und Nacken mit einem Wasserschlauch ab. Das tat unglaublich gut.

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Jens begleitete mich noch ein paar hundert Meter auf dem nächsten Anstieg, der genauso steil bergauf führt wie wir zuvor hinunter gegangen waren. Die Hitze machte mir nun wirklich zu schaffen, sodass ich mehrfach pausieren musste. Dummerweise hatte ich im Basecamp nicht aufgepasst und eine geringe Menge Sprudelwasser in meine Trinkblase gefüllt. Das bekam mir gar nicht gut. Irgendwann erreichte ich schließlich doch den Gipfel, wo es zum ersten Mal zu regnen begann. Da mir die Abkühlung sehr gelegen kam, verzichtete ich gerne darauf, mir eine Jacke überzuziehen. Bereits wenige Sekunden später revidierte ich diese Einstellung jedoch. Wie kleine Wurfgeschosse prasselten riesige Tropfen auf uns nieder. Allzu lange hielt der Regen jedoch nicht an.

In den letzten Sonnenstunden ging es durch ein Skigebiet wieder ins Tal hinab. Eigentlich hätten wir an dieser Stelle den höchsten Gipfel der gesamten Strecke erklimmen sollen, doch aufgrund der Gewitterwarnung schien er gestrichen worden zu sein, wie ein paar Läufer diskutierten. So stellte ich mich darauf ein, bereits etwas früher im nächsten Basecamp einzutreffen. Langsam wurde es wieder dämmrig. Meine Uhr zeigte an, dass ich bereits seit über einem Tag unterwegs war. Da nirgends Kilometerschilder aufgestellt waren und mein GPS-Tracking sehr ungenau war, stellte die Zeit, die seit dem Start vergangen war, meine primäre Referenzquelle dar. Es war nicht mehr 19 Uhr abends, sondern 25 Stunden, seitdem ich losgelaufen war. Die Tageszeit verriet mir ohnehin der Sonnenstand. Ich aß und trank, wenn ich Hunger hatte und pausierte kurz, wenn es zu anstrengend wurde. So kam ich erstaunlich gut voran. Allmählich merkte ich jedoch, wie ich immer müder wurde. Vielleicht schließe ich einfach für einen kurzen Moment die Augen? Auch wenn mir dieser Gedanke sehr verlockend erschien, riss ich mich zusammen. Der Trail war viel zu uneben, um zu riskieren unterwegs erst in Sekundenschlaf und dann womöglich den Berg hinunter fallen.

Ich zog meine Stirnlampe auf und blickte ins Tal. Für einen Moment war der gesamte Himmel erleuchtet. Einer der anderen Läufer schien eine wirklich helle Lampe zu haben. Erst nachdem die Wolkendecke noch drei- oder viermal hell erstrahlte, realisierte ich, dass es sich dabei um Blitze handelte. Kurz darauf begann es auch schon wieder zu regnen – diesmal noch stärker als zuvor. Der schmale Weg, der nun steil bergab führte, verwandelte sich in einen matschigen Bach. Mein Sichtfeld beschränkte sich auf wenige Meter, da das Licht durch die Regentropfen stark gestreut wurde. Ich fühlte mich kurz in den Film Jurassic Park versetzt. Hoffentlich würde jetzt kein Dilophosaurus aus dem Unterholz springen. Ich amüsierte mich prächtig über diese Vorstellung und meine Müdigkeit war wie weggeblasen. Bis zum Basecamp müsste es auch nicht mehr allzu weit sein; laut Höhenprofil ging es jetzt nur noch bergab.

Was ich jedoch nicht wusste, war, dass die Strecke aufgrund des Gewitters gar nicht gekürzt, sondern sogar etwas verlängert worden war. Um den hohen Gipfel zu umgehen, führte der Weg jetzt zunächst nach unten, dann aber wieder mindestens zwei Petersberger Bittwege (siebengebirgische Einheit für etwa 250 Höhenmeter) bergauf, was mich gänzlich irritierte. Kurz befürchtete ich, das Basescamp übersehen zu haben und schon beim Anstieg auf das nächste Bergmassiv zu sein. Die Streckenmarkierung war bis jetzt jedoch so präzise gewesen, dass ich mir das eigentlich nicht vorstellen konnte. Endlich erblickte ich in der Ferne einen anderen Läufer, zu dem ich aufschloss und mich erkundigte, wo wir denn gerade waren. Zum Glück sprach er ein wenig Englisch und erklärte mir, dass die Strecke geändert worden war. Bis zum Basecamp sei es noch ein ordentliches Stück.

Mittlerweile bekam ich richtig Hunger, hatte aber nur noch ein paar Erdnüsse und Rosinen als Notfallration in meinem Kochsalzbeutel dabei. Wieso ich alles zusammen in einen Beutel gefüllt hatte, war mir schleierhaft. Es war jedenfalls eine dumme Idee gewesen, da nun Unmengen von Salz am Studentenfutter klebten, die sich gar nicht mehr abreiben ließen. Notgedrungen aß ich trotzdem eine Handvoll, merkte jedoch sofort, dass es viel zu salzig war. Ich fühlte mich benommen und schummerig. Mit Müh und Not erreichte in den letzten Verpflegungspunkt vorm Basecamp und pausierte dort kurz, um in Ruhe zu essen und zu trinken. Plötzlich wurde mir jedoch speiübel. Ich schafft es gerade noch rechtzeitig, mich über einen Mülleimer zu beugen. Und dann kam alles raus. Glücklicherweise hatten die Helfer am Verpflegungspunkt viele Papiertücher dabei, mit denen ich mir das Gesicht abwischen und die Nase putzen konnte. Nach etwa vier bis fünf Runden fühlte ich mich besser, aß und trank noch mal ein wenig und marschierte dann über flache Feldwege die letzten 5 km Richtung Basescamp. Unterwegs musste ich mich leider immer wieder übergeben. Selbst die kleinsten Mengen Wasser wollten nicht drin bleiben. Als ich das Basecamp schließlich erreichte, befürchtete ich hier aufgeben zu müssen. Ich war vollkommen ausgelaugt und hatte keinerlei Energie mehr. Ich setzte mich hin und starrte mit müden Augen durch den Raum.

Dann fiel mir plötzlich ein, dass Jens und meine beste Freundin Ramona mir zwei Briefe mitgegeben hatten für den Fall, dass es mir unterwegs einmal wirklich schlecht gehen sollte. Dieser Zeitpunkt war jetzt definitiv gekommen. Ich setzte mich hin, las die Briefe und freute mich riesig über die lieben Worte und anschaulichen Zeichnungen. Vielleicht würde ich ja wieder auf die Beine kommen, wenn ich eine längere Pause machte? Schließlich lag ich noch über 8 Stunden vor dem Zeitlimit. Ich fragte einen der Helfer, ob irgendjemand Magentabletten dabei hätte. Leider nicht, sagte man mir, aber es gäbe eine Sanitäterin, die mir sicherlich helfen könnte. Sie überprüfte Puls, Blutdruck und Körpertemperatur – alles in Ordnung. Zwar sprach sie nur Französisch, aber ein paar andere Volontäre halfen bei der Übersetzung. Einer von ihnen sprach sogar fließend Deutsch. Ich ruhte mich erst einmal eine Weile auf der Liege aus und aß alle 15 min eine winzige Menge Brot mit Cola. Dank der liebevollen Umsorgung fühlte ich mich schnell geborgen und es schien, dass der Plan tatsächlich aufgehen würde. Zwar hatte ich nicht allzu viel gegessen, aber immerhin war alles drin geblieben. Nach fast drei Stunden Pause verließ ich schließlich das Basecamp und startete voller Zuversicht in den letzten Abschnitt der Strecke.

Durch den Morgennebel ging es zunächst seicht und dann immer steiler bergauf. Die Anstrengung wurde immer größer. Drei Schritte gehen, kurze Pause. Wieder drei Schritte, nochmal Pause. So arbeitete ich mir langsam den schier endlosen Berg hinauf. Manche Passagen waren nahezu senkrecht. Auf dem Höhenprofil hatte das doch gar nicht so steil ausgesehen? Allmählich wurde mir wieder übel, sodass ich mich abermals übergeben musste. Sollte ich einfach alles raus lassen? Oder wäre es sinnvoller sich zusammenzureißen und sich nicht zu übergeben? Und wenn ja, wäre das überhaupt möglich? Ich versuchte also meinen Magen mit Worten zu beruhigen. Selbstinstruktion ist ja bekanntlich sehr förderlich für die Motivation. Vielleicht würde das auch bei meinem Magen funktionieren? Tat es leider nicht. Ich musste mich alle paar Meter übergeben. Zum Glück kam aber meist nur Flüssigkeit raus. Jeden Läufer, der mich unterwegs überholte, fragte ich, ob er zufällig Magentabletten dabei hätte. Alle verneinten, bis ich schließlich auf einen netten Franzosen traf, der mir zwei Tabletten gab, die der Verkrampfung des Magens vorbeugen sollten. Ich kannte das Medikament zwar nicht, aber was blieb mir schon anderes übrig, als es auszuprobieren? So bedankte ich mich herzlich und legte mir eine der Tabletten auf die Zunge. Nach kurzer Zeit war die Übelkeit tatsächlich verschwunden. Ich konnte es kaum glauben! Trotzdem blieb ich dabei, möglichst wenig zu essen und zu trinken. Der Berggipfel kam jedoch einfach nicht näher. Jedes Mal, wenn ich dachte, oben angekommen zu sein, stieg eine neue Anhöhe aus dem Nebelmeer empor. Als ich kurz davor war alles zu verfluchen, erblickte ich plötzlich ein großes strahlendweißes Tier, das majestätisch auf einer Bergwiese graste. Für einen kurzen Augenblick glaubte ich ein Einhorn zu sehen – doch es war nur ein Zweihorn. Eine Kuh, um genau zu sein; wohlgemerkt eine sehr schöne Kuh. Ich grüßte freundlich und trabte die Wiese hinab, nur um mich wenige Minuten später vor einem weiteren Anstieg wiederzufinden. Also noch mal Zähne zusammen beißen und rauf da!

Irgendwann wurde ich von den führenden Läufern der Ut4M Challenge überholt. Unfassbar wie leichtfüßig sie bergauf, bergab und durch die schwierigsten Passagen sprangen. Ich versuchte die schmalen Trails möglichst gut freizugeben, um sie passieren zu lassen, aber an einer als gefährlich markierten Stelle kam ich einfach nicht schnell genug vorbei. Unglaublich nett fand ich, dass einer der Top-20-Läufer sogar stehen blieb, um mir bei der tiefen Felsstufe nach unten zu helfen. Meine Oberschenkel waren mittlerweile ganz schön lädiert und auch unter den Füßen hatten sich zahlreiche Blasen gebildet, die mich jedoch nicht allzu sehr störten. Ich bemerkte lediglich, dass sie sich ein wenig umrangieren mussten, je nachdem, ob ich bergauf, bergab oder auf ebener Fläche lief. So kämpfte ich mich weiter durch die Berge und genoss das Gefühl schon wirklich viel geschafft zu haben.

In Le Sappey warteten bereits zahlreiche Zuschauer, die die Läufer und Läuferinnen ordentlich anfeuerten. Am Verpflegungspunkt konnte ich sogar eine Nudelsuppe essen, die mein Magen gut vertrug und mir neue Energie gab. Als ich wieder eine Zeitlang unterwegs gewesen war, spürte ich plötzlich eine Hand an meinem Oberarm. Erfreut stellte ich fest, dass sie zu Claudia gehörte, die ebenfalls die Challenge lief und an guter Position lag. Wir wünschten uns gegenseitig viel Glück und dann war sie auch schon wieder weg. Kurze Zeit später folgte Michael. Er ging ein Stück mit mir zusammen und unterhielt sich mit mir, was mich sehr aufmunterte. Wer dann allerdings um die Ecke bog, konnte ich kaum glauben. Es war tatsächlich Jens! Ich freute mich unheimlich ihn zu sehen. Da ich nun in besten Händen war, lief Michael weiter und wir wanderten zu zweit gemütlich den Berg hinab. Jetzt war Grenoble wirklich in greifbarer Nähe. Schließlich schloss auch noch Maiken zu uns auf. Wir wechselten fröhlich ein paar Worte und würden uns im Ziel wiedersehen. Nach dem letzten Verpflegungspunkt ging es (fast) nur noch bergab. Jens unterhielt mich prächtig und telefonierte zwischendurch mit Ramona, die mich von Deutschland aus anfeuerte. Es war unglaublich schön, ihre Stimme zu hören.

Der steinige Weg führte schließlich hinab zur Bastille. Hier galt es noch einmal zahlreiche hohe Treppenstufen hinunterzuklettern. Kurz überlegte ich, ob ich mich einfach auf den Po setzen und runterrutschen sollte, entschied mich aber schließlich dagegen, um meine Hose nicht zu zerreißen. So mussten die Touristen eben kurz warten, bis ich hinunter gekraxelt war. Toll war, dass wirklich jeder einzelne Läufer, der mich auf dem Weg zum Ziel überholte, „bravo“ oder „bon courage“ rief. Letzteren Ausdruck kannte ich bisher nicht, fand ihn aber überaus passend und motivierend. Etwas sentimental wurde ich allerdings, als zum ersten Mal jemand „félicitation“ zu mir sagte. War ich wirklich so kurz vorm Ziel, dass man mich schon beglückwünschen durfte? Ich konnte es kaum glauben. Nach kurzer Zeit erreichten wir tatsächlich die Stadt, überquerten den Fluss und – bogen ab zu einem riesigen Umweg. Das konnte doch nicht wahr sein! Mittlerweile hatte ich wirklich keine Lust mehr. Ein Glück, dass ich noch genügend Puffer zum Zeitlimit hatte und gemütlich vor mich hin trotten konnte. Nichts war mir in diesem Moment egaler als die Frage, ob ich nun 20 min früher oder später im Ziel ankommen könnte, wenn ich mich ein wenig beeilte.

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Endlich erblickte ich ein großes Schild: Ab hier noch 1 km. Ich grinste über beide Ohren. Als der Weg Richtung Olympiastadion abbog, stand die Sonne flach am Himmel und funkelte durch die sattgrünen Baumkronen. Ich genoss die letzten Meter und ließ alles, was ich unterwegs erlebt hatte, noch einmal Revue passieren.

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Nie war ich innerhalb von zwei Tagen durch so viele Höhen und Tiefen gegangen – wörtlich wie metaphorisch. Aus der Ferne sah ich Michael, Martina, Babsi und Markus, die schon auf mich gewartet hatten. Sie gingen ein Stück mit mir zusammen, machen Fotos und beglückwünschten mich. Kurz bevor ich ins Stadion einlief, erblickte ich weitere bekannte Gesichter. Der kleine Junge, der am Montag meine Ausrüstung kontrolliert hatte, einige Frauen, die ich unterwegs immer wieder gesehen hatte, und auch der nette Helfer vom dritten Basecamp, der so gut Deutsch sprach, jubelten mir zu. Ich hatte es tatsächlich geschafft und lief nach 49 Stunden, 24 Minuten und 37 Sekunden als 12. Frau (3. AK) in die Olympiahalle ein.

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Was für ein unglaubliches Gefühl! Im Ziel setzte ich mich hin, teilte die Freude mit meinen Freunden und stand erst am nächsten Tag wieder auf. Nach Hause musste man mich nämlich tragen.

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Text: Kathi Bey, Bilder: Markus Geisbauer, Jens Erler und Michael Irrgang, 25.8.2017