Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

HoehenprofilDieser Lauf ist längst kein Geheimtipp mehr, denn dieses Jahr gab es bereits die 15. Austragung und dennoch ist der Lauf klein und familiär geblieben. Dabei bieten Gi, wie der Organisationleiter Giselher Schneider von Freunden genannt wird, mit seinen fleißigen Helfern den Teilnehmern ein breites Spektrum anspruchsvoller, alpiner Trailwettbewerbe und eine gut eingespielte Organisation, die den Vergleich mit den Marktführern absolut nicht scheuen muss. Dabei stand dieses Jahr unter keinem guten Stern. Der Wechsel des Veranstaltungsgelände zum Biathlonzentrum brachte eine komplette Neuplanung der Strecken mit sich. Schnee und Sturmschäden machten weitere auch kurzfristige Streckenänderungen erforderlich. Selbst der eine Woche vor dem Start „finale Track“ stimmte mehrfach nicht mit der Markierung überein – was soll’s, die Markierung war für eine Kleinveranstaltung unglaublich gut.

Ich hatte mich erst relativ kurzfristig angemeldet. In den letzten Monaten kam mein Training viel zu kurz. Ohne richtigem Training und Ambitionen hatte ich im ersten Halbjahr einige schlechte Wettkämpfe und wollte nun einmal ein Wochenende für mich mit einem Lauf in einer schönen Landschaft. Und: mich natürlich ordentlich vorbereiten. Das war natürlich sehr optimistisch gedacht und entwickelte sich leider etwas anders. Immerhin konnte ich wettkampfspezifisch etwa 1,5 Wochen vor dem Lauf mit Rucksack und Stöcken 2 Tage durch die Eifel laufen. Bei 30 bis 40 Grad war es das reinste Vergnügen und ich wünschte mir warmes Wetter – so wie letztes Jahr in Ruhpolding. Doch irgendwie überforderte die Eifeltour meine unvorbereitete Muskulatur, die bei der nächsten Trainingseinheit mit einer Zerrung antwortete. Am Dienstag vor dem Lauf versuchte ich eine lockere Einheit, musste jedoch nach 3 km schmerzbedingt umdrehen und zurückwandern.

Ohne Training und leicht verletzt machte ein Start eigentlich kaum Sinn, zumal der Wetterbericht Regen und Gewitter vorhergesagt hatte, bei immerhin angenehmen Temperaturn.

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Da Kneifen selten eine gute Lösung ist, reiste ich mit einem vorsichtigen Plan an, der ein Finish der 100-Meilenstrecke knapp unter dem Zeitlimit vorsah. Ruhpolding begrüßte mich mit Sonnenschein und einem Panorama voller Berggipfel, wo ich definitiv nicht rauf wollte.

Der 100-Meilenlauf besteht aus zwei Runden. Nach etwa 90 km kommt man wieder in der Chiemgau-Arena an und startet in die zweite Runde, die überwiegend identisch mit der 100km-Strecke ist. Die 100km-Läufer starten um 5:00 Uhr und beginnen mit einer Auftaktschleife, bevor die Strecken zusammenkommen. Die 100-Meilenläufer müssen abschätzen, wie lange sie für die erste Runde brauchen und ihre Startzeit am Freitagnachmittag selbst so festlegen, dass sie etwa zwischen 4:30 und 7:30 die zweite Runde beginnen können.

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Vor dem Lauf gab es noch ein kurzes Briefing, in dem Gi auf ein paar Besonderheiten des Laufes hinweis.

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Bei der Gelegenheit traf ich Gerd Kirschke, der leider nicht das Ziel erreichte. Außerdem war noch Michael Müller dabei, der für 100km gemeldet war und die 85km-Distanz finishte.

Kurz vor dem Start verdunkelte sich der Himmel, die Schleusen öffneten sich und ein erster, kurzer Starkregen ärgerte die Läufer. Also Regenjacke an und nur fünf Minuten später konnte ich die Regenjacke gegen eine dünne Windjacke wechseln. War ich am Anfang Letzter, so war ich jetzt Allerletzter, sprich, ich konnte den vor mir laufenden Läufer nicht mehr sehen. Der Lauf begann bei mir mit drei flachen Kilometern in 19 Minuten. Hm. Auch mein Plan war es, bei den einfachen Kilometern etwas Zeit gutzumachen, die ich dann berghoch und in den technisch schwierigen Abschnitten benötigen würde, aber so schnell widerstrebte mir und so dackelte ich gemütlich den Forstweg entlang meiner Startgruppe hinterher. Der Anteil an Forstwegen ist schon recht hoch, teilweise den vielen notwendigen Umleitungen geschuldet, da die Wälder mit den kleinen Wanderwegen noch teilweise gesperrt sind. In mir reifte der Gedanken, mir im nächsten Jahr noch einmal die Originalstrecke anzusehen, denn die Gegend beeindruckt doch sehr.

Der erste Gipfel beeindruckte nicht minder. Es ging steil hoch und ebenso „brutal“ wieder runter. Das kann doch kein Wanderweg sein, das scheint mir eher etwas für Selbstmörder. Ab und zu lief ich längere Abschnitte mit einer Begleitung – es waren die zwei Mal, in denen ich mich kurz verlief. Dennoch waren die Gespräche sehr nett und ich stelle fest, dass die meistern Teilnehmer zum wiederholten Mal da waren und überwiegend eine negative Bilanz hatten, was das Finish angeht.

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Bei einer Gelegenheit, als die Sicht einen Blick auf den der Region namensgebenden Chiemsee ermöglichte, entstand dieses Bild.

Aus der Streckenbeschreibung und dem Höhenprofil hatte ich mir einen Plan überlegt, wann ich an den jeweiligen VPs sein wollte und überraschender Weise war ich überwiegend schneller unterwegs, weil die ausgesetzten Wege in der Minderheit gegenüber den gut laufbaren Forstwegen hatten, in denen ich gut meine Stöcke einsetzen konnte und entsprechend schnell vorankam.

So erreichte ich bereits eine Stunde vor dem Plan gegen 5:15 Uhr die Chiemgauarena, wo ich das Shirt wechselte und mich einiger Dinge entledigte. Mir ging es eigentlich ganz gut. An einer Stelle hatte ich die Schuhe etwas ruiniert, als ich mir beim Stolpern fast die Kappe komplett vom Obermaterial abriss. Die Schuhe haben nun ihre Schuldigkeit getan und wurden am nächsten Morgen direkt an Ort und Stelle beerdigt. Schade eigentlich. Nun sammelte ich fleißig mal Steine mal Tannennadeln ein, die mal drückten, mal piksten.

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Anfang der zweiten Runde nach Sonnenaufgang im Regen entstand dieses Bild.

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Auch so eine Stelle gab es einmal, als man im hohen Gebüsch den Weg mehr vermuten als sehen konnte.

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Solche Wege liebe ich: schmal, zwischen Fels und Abgrund, dennoch flach und mit wenig Stolperfallen ausgestattet.

Von den ständig nassen Socken deuteten sich erste Blasen an, aber ich war doch recht optimistisch, die fehlenden 71 km zu schaffen, zumal ich dafür noch etwa 17,5h Zeit hatte. Leider verschlechterte sich der Zustand der Füße stündlich und berghoch merkte ich, dass die Kraft in den Beinen komplett verschwunden war und ich viel mit den Armen arbeiten musste. Immerhin konnte ich die Forstwege bergab noch gut laufen und kam daher gut voran. Für mich war der kritische Punk im Abschnitt zwischen km 119 und 123. Unglaublich, wie schnell sich Optimismus verflüchtigen kann!

Ich hatte für den letzten Marathon noch fast 13 Stunden Zeit und selbst bei streikenden Füßen und mit wenig Kraft sollte das möglich sein. Doch nur kurz hinter dem VP Kohlstatt bei km 119 führte der Weg eine Skipiste hoch. Nicht senkrecht, aber fast. Dieser Abschnitt war so deprimierend! Es war ein rutschiger Wiesenweg, der unglaublich steil und rutschig war. Alle zwei Schritte musste ich stehenbleiben, damit der Puls von maximal auf hoch fiel. Für die geschätzten 500m habe ich fast eine Ewigkeit gebraucht und mir wurde klar, dass das Zeitpolster recht trügerisch war. Laufen tat mittlerweile weh, so dass ich auch bergab viel gehen musste. In dieser Phase setzte nun ein langanhaltender Starkregen mit Gewitter und einem Temperatureinbruch ein. Als ich am nächsten VP bei km 123 ankam, war ich völlig im Eimer. Die untere Hälfte patschnass, vor Kälte zitternd, mit dem linken Fuß konnte ich kaum mehr Auftreten, rechts hatte ich wohl auch eine Blase, mental war ich bereit, in ein Taxi zu steigen, sollte dort eins stehen und mich der Fahrer, so wie bin, mitnehmen.

Von all den Optionen, die ich hatte, entschied ich mich, die abgekürzte Variante zu versuchen. 23 km vor Schluss, also bei km 138 bietet sich am dortigen Versorgungsstand die Option, den letzten Gipfel zu überqueren oder die abgekürzte Variante ins Ziel zu nehmen und als Finisher mit 146km das Rennen zu beenden. Der letzte Gipfel über den Hochfelln ist brutal steil rauf wie runter, technisch sehr anspruchsvoll und versprechen noch einmal mühsame 800 Höhenmeter bergauf und 1000 bergab, bei Gewitter ist der Weg oben am Grat entlang lebensgefährlich. Wie die Ergebnisliste zeigt, nahmen disziplinübergreifend etwa 50% der Teilnehmer diese Variante. So hatte ich etwa 12h Zeit für die verbleibenden 23 km. Und es wurde der schwerste und längste „Halbmarathon“ meiner Laufkarriere, denn ich benötigte fast 9 Stunden für die restliche Distanz. Immerhin hörte der Regen irgendwann auf und ich meine Betriebstemperatur normalisierte sich. Dennoch stellte ich mir permanent die Frage, ob so ein Finish Sinn macht. Zum einen gab es kaum eine Alternative und Ja, ein Finish macht immer Sinn. Von den 38 auf der 100-Meilenstrecke gestarteten Läufer und Läuferinnen sind lediglich 10 die Gesamtdistanz gelaufen und 9 finishten auf der 146km-Strecke und ich werde sogar auf Platz 5 genau in der Mitte aufgelistet. Schon beeindruckend!

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Etwa bei km 135 liefen wir an Ruhpolidng vorbei, welches sich in der untergehenden Sonne von seiner schönsten Seite zeigte.

Auch wenn die 146km-Finisher für ihren Erfolg gefeiert wurden, bin ich mir persönlich bei der Einordnung nicht sicher. Mein Ziel war simpel: 100 Meilen sollten es sein! Meine Form war ausreichend, die Ausrüstung super, die Taktik passte. Von allen Dingen, die sich zum „Aufgeben des 100-Meilenzieles“ kumulierten, waren die aufgequollenen Füße der entscheidende Faktor, den man mit einem morgendlichen Eincremen mindestens hätte herauszögern können – was für ein dämlicher Anfängerfehler, so etwas zu vergessen!

Ich denke, dass ich das Finishershirt in meinem Stapel ganz nach unten legen werde, aber im nächsten Jahr versuchen werde, es mir redlich zu verdienen.

Ruhpolding – ich komme wieder, dann gerne auf der Originalstrecke und bei strahlendem Sonnenschein.

Text und Bilder: Michael Irrgang, 04.08.2019

 

BUF2019 CWenn am 24.8. im Rahmen des Bottroper Ultralauf Festivals (BUF) die Deutsche Meisterschaft im 24h gestartet wird, startet gleichzeitig der 6h-Lauf. Der beliebte 6h-Stundenlauf war die letzten Jahre stets ausgebucht, aktuell sind allerdings im auf 100 Starter begrenzten Teilnehmerfeld noch Plätze frei.

Wer sich noch bis zum Online-Meldeschluss am 11.8. anmeldet profitiert nicht nur von einem günstigen Preis, sondern erhält auch eine personalisierte Startnummer. Allerdings kann man sich bei Bedarf bis etwa 1h vor dem Start nachmelden.

Aktuell liegen 58 bezahlte Anmeldungen vor; von 25 Frauen und 33 Männern. Sie starten in 17 verschiedenen Altersklassen und so wie es aussieht, werden insgesamt 43 Altersklassenpreise verschenkt – eine gute Quote, die nur noch im 100km-Lauf überboten wird, wo fast jeder einen AK-Preis erhält.

Favoriten sind aktuell schwer auszumachen. Eine erste Analyse der Anmeldedaten ergibt, dass es für etwa ein Drittel der Starter der erste Ultralauf ist und für ein weiteres Drittel der erste 6h-Lauf. Von den anderen hat keiner eine Vorleistung, die einen neuen Streckenrekord andeutet.

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Im letzten Jahr lief Susanne Gölz beim 6h-Lauf ein beherztes Rennen und überbot mit ihrer Leistung sogar den Streckenrekord der Männer.

Auch wenn es neben den schönen Altersklassenpreisen auch Pokale für die Gesamtsieger zu gewinnen gibt, starten die meisten wohl eher mit einer anderen Motivation.

Einerseits ist der 6h-Lauf die ideale Einsteiger-Disziplin für am Ultralauf interessierte Läuferinnen und Läufer, da man völlig ohne Stress bei bester Versorgung die Marathondistanz mehr oder weniger deutlich überbieten kann. Andererseits ist so ein 6h-Lauf eine ideale Trainingseinheit für später im Jahr stattfindende Höhepunkte, wie beispielsweise die 100km Meisterschaft in Kandel vier Wochen später.

Eine überlegenswerte Idee ist auch, als Betreuer eines 24h-Läufers an dem 6h-Lauf teilzunehmen. Hier kann man zunächst den Läufer ein wenig auf der Strecke begleiten und kann nach dem Lauf, Duschen und Siegerehrung den Läufer in den schwierigen Phasen des Wettkampfes betreuen.

Die Teilnehmer sind gleichzeitig unmittelbar bei der Meisterschaft dabei, können mit den 24h-Lauf-Experten gemeinsame Runde drehen und die einzigartige, spannungsgeladene Rennatmosphäre miterleben. Eine 24h-Meisterchaft ist sicher ein besonderer 24h-Lauf und nicht zufällig findet man unter den Top10 der Jahresbestenlisten meist die Ergebnisse der nationalen und internationalen Meisterschaften.

Abgesehen von der Stimmung profitieren die 6h-Läufer auch von einer sehr guten Versorgung. So werden wir neben einer sehr vielseitigen Verpflegung wieder einen Rennarzt und zwei Physiotherapeuten vor Ort haben, die sich um das Wohl der Läufer kümmern.

Der Ablauf des 6h-Laufes am Samstag, 24.8.

  • 17:00 bis 21:00 Uhr (Freitag) Startnummernausgabe und Nachmeldungen
  • 8:30 bis 10:30 Uhr Startnummernausgabe und Nachmeldungen
  • 10:45 Briefing
  • 11:00 Start des 6h-Laufes
  • 17:00 Endes des 6h-Laufes, Restmetervermessung, Auswertung
  • 18:15 Siegerehrung

Alle Teilnehmer des 6h-Laufes erhalten neben einer Erinnerungsmedaille und einer Urkunde auch nach dem Lauf ein Nudelgericht.

Wer den Lauf über die Mittagsstunden meiden möchte, sollte einmal über die Teilnahme am 100km-Lauf nachdenken, der um 18 Uhr gestartet wird. Hier kann man durch die stimmungsvolle Bottroper Nacht laufen und die Siegerehrung bei dem morgendlichen Frühstück genießen.

Ausschreibung: Link

Anmeldeportal: Link

Text und Bild: Michael Irrgang, 20.07.2019

Nach dem spannenden Race-Bericht von Dietmar über den Al Andalus Ultimate Trail, einen Etappenlauf im andalusischen Hinterland, entschied ich mich, dort in Dietmars Fußstapfen meinen allerersten mehrtägigen Lauf zu absolvieren. Gemeinsam mit der deutschen Truppe bestehend aus Dietmar, Martina, Gaston und Stefan reiste ich also Anfang Juli nach Loja, um 230 Kilometern in 5 Etappen zu laufen. Nachdem ich die 170 km beim Junut erfolgreich gefinished hatte, dachte ich, dass 230 km mit ausreichend Pause und Schlaf dazwischen eigentlich kein Problem sein sollten. Aber wie das so ist, kam natürlich alles anders als gedacht.

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Um uns ein wenig zu akklimatisieren, reisten wir bereits am Samstag nach Loja. Auf dem Thermometer standen 30 Grad. Gut, dass es in Deutschland kurz vorher ähnlich heiß war. So war zumindest der Kreislauf einigermaßen an die Hitze gewöhnt. Nach und nach trudelten die anderen LäuferInnen in das Race-Hotel ein und wir verbrachten gemeinsam zwei entspannten Tage in Loja mit guter Verpflegung. Der Startschuss fiel am Montagmorgen um 09:45 Uhr. Für meinen Geschmack ein bisschen spät, da es um diese Uhrzeit schon recht warm war. Wie mir später klar wurde, ist das Laufen in der Hitze kein Zuckerschlecken und die Wärme nicht meine liebste Begleiterin.

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Zu Beginn fühlte ich mich eigentlich ganz wohl und ich legte ein flottes Tempo vor. Leider ging es die ersten 11km nur bergauf, sodass wir danach die knapp 1.000 Höhenmeter der ersten Etappe im Sack hatten. Leider bin ich es viel zu schnell angegangen, sodass ich dann auf der Hälfte des Berges bereits Tribut zollen musste. Mir wurde schwindelig und ich musste deutlich Geschwindigkeit herausnehmen. Zum Glück traf ich bald darauf auf Dietmar, der mir den guten Rat gab, mir Wasser über den Kopf zu schütten, um den Körper ein wenig herunterzukühlen. Danach ging es mir ein wenig besser und ich kam relativ unbeschadet an der ersten Verpflegungsstation an, wo ich meine Wasservorräte auffüllen konnte und mir kaltes Wasser über den Kopf, Arme und Beine schütten konnte. Das war ein wirklich befreiendes Gefühl und so war ich einigermaßen beschwingt bis zum zweiten Verpflegungspunkt unterwegs. Die Wärme machte mir jedoch zunehmend zu schaffen. Erneut hatte ich mit Kreislaufproblemen zu kämpfen. Ich musste die Geschwindigkeit drosseln und am dritten Verpflegungspunkt ein längeres Päuschen einlegen, um es überhaupt noch ins Ziel zu schaffen. Was für eine Qual. Zum Glück traf ich dort Sascha, mit dem ich dann wandernd das Ziel erreichte. So kann es die nächsten Tage nicht weitergehen und ich änderte meine Race-Strategie: Tempo rausnehmen und einfach nur ankommen standen ab Tag 2 auf der Agenda.

Die erste Nacht verbrachten wir in Zelten in einer stickigen Turnhalle in Alhama de Granada. Zum Glück hatte meine Zeltgenossin Fran sich ein freies Zelt gesichert, sodass ich alleine schlafen konnte. Ehrlicherweise muss man jedoch sagen, dass in diesem riesen Raum an Schlaf kaum zu denken war. Trotz Ohropax war es einfach zu laut. Vor mir und hinter mir schlummerten einige Läufer friedlich, wie unschwer zu überhören war.

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Etwas gerädert starteten wir dann in Tag 2. 48 Kilometer und rund 1.600 Höhenmeter waren zu bewältigen. Morgens war es angenehm kühl. Zunächst durchliefen wir eine wunderschöne Schlucht auf befestigten Wegen. Bis zum zweiten Verpflegungspunkt bei Kilometer 21 war die Strecke weitestgehend laufbar und ich fand ein Tempo mit dem ich gut zurechtkam. Danach sollte der technisch anspruchsvollste, aber auch landschaftlich schönste Abschnitt folgen. Und so war es tatsächlich auch. Auf einem Single Trail ging es zunächst bergauf in die Sierra Almijara. Bergauf ist nicht so meine Stärke, aber ich kämpfte mich durch und war froh nach rund 5 Kilometer den höchsten Punkt erreicht zu haben. Dann ging es auf der anderen Seite wieder bergab, bevor wir in einem zugewachsenen Single-Trail in einem kleinen Waldstück wieder bergauf unterwegs waren. Ich war glücklich, als ich den dritten Verpflegungspunkt sah und mich wieder mit Eis herunterkühlen konnte. Danach ging es vor allem bergab bis zum vierten Verpflegungspunkt, allerdings waren wir in der prallen Mittagshitze unterwegs. Kurz vor dem vierten Verpflegungspunkt gabelte ich noch eine Läuferin auf, die über starke Knieschmerzen klagte und mit der ich dann gemeinsam Richtung Ziel lief. Die Nacht verbrachten wir an einem kleinen Bachlauf. Auch die Duschen wurden mit diesem eisig kalten Wasser gespeist. Aber nach so viel Zeit in der Sonne, war es eine Wohltat unter eine kalte Dusche springen zu können. Die zweite Nacht wurde nur bedingt besser als die erste, aber damit würde ich mich wohl die kommenden Tage anfreunden müssen.

Am dritten Tag war dann etwas Entspannung angesagt: 39 Kilometer und rund 1.000 Höhenmeter sollten es sein. Die langsameren Läufer, darunter Dietmar und ich, starteten um 08:30 Uhr. Zunächst ging es eine Asphaltstraße und Schotterwege hinab bis zum ersten Verpflegungspunkt. Das ist meine Lieblingsstrecke und so konnte ich ein wenig Gas geben. Obwohl es noch nicht so heiß war, nahm ich mir ausreichend Zeit und Eis am ersten Verpflegungspunkt, denn ich wusste, dass es anschließend lange bergauf gehen würde. Am zweiten Verpflegungspunkt überholten uns dann schon die SpitzenläuferInnen aus der späten Startgruppe - ein wenig deprimierend, aber ich hatte mir ja vorgenommen, das Tempo insgesamt rauszunehmen und alles ein wenig lockerer anzugehen. Die Situation vom ersten Tag brauchte ich nicht nochmal. Die Strecke ab den zweiten Verpflegungspunkt war sehr abwechslungsreich. Über Schotterwege ging es durch ein Naturschutzgebiet mit wundervollen Ausblicken. Dieser Streckenabschnitt war sehr kurzweilig und schon bald erreichten wir den dritten und letzten Verpflegungspunkt. Ab dort ging es nur noch bergab bis wir auf einen Single-Trail treffen sollten, an dem ich aber zunächst vorbeilief. Also wieder zurück und die richtige Strecke suchen. Sie war eigentlich doch ganz gut ausgeschildert, aber ich war wohl so in Gedanken, dass ich einfach vorbeigelaufen bin. Nach dem Single-Trail war es dann nicht mehr weit bis zum Campingplatz in der Nähe von Jayena. Auf dem riesigen Areal konnten sich die Zelte und Schlafplätze ein wenig verteilen. Abends wurde eine sehr leckere Paella für uns zubereitet. Auch wenn in dieser Nacht kaum schnarchende Geräusche zu vernehmen waren, so taten die Hunde das Übrige und bellten praktisch ununterbrochen. Also auch in der dritten Nacht war der Schlaf nur bedingt zufriedenstellend, aber so langsam gewöhnte ich mich an die Situation.

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Die längste Etappe, nämlich 67 Kilometer, standen am vierten Tag auf dem Programm. Unglücklicherweise war es der heißeste Tag der Woche mit gut 35 Grad im Tagesverlauf. Die ersten Abschnitte bestritt ich mit Rafael. Es war eine schöne schattige Strecke, die direkt an einem See entlangging. Das Wasser glitzerte Türkis. Es roch nach Nadelbäumen. Wirklich beeindruckend. Wir umrundeten den See fast komplett. Nach rund 23 Kilometer erreichten wir den zweiten Verpflegungspunkt. Ab dort ging es praktisch 7 Kilometer in der prallen Sonne bis zum dritten Verpflegungspunkt bergauf. Schon aus der Ferne war der Aufstieg zu erkennen, was die Sache nicht erleichterte. Aber auch die 7 Kilometer waren irgendwann zu Ende und wir erreichten gemeinsam den Verpflegungspunkt. Bis zum vierten Verpflegungspunkt ging es eine Schotterstraße bergab. Leider wollte Rafael bis zum nächsten Verpflegungspunkt wandern, da er mit Übelkeit zu kämpfen hatte und bat mich alleine weiterzulaufen. Wir trafen uns in einer Bar kurz nach dem vierten Verpflegungspunkt, in der wir uns mit Cola und Fanta ausstatteten. Ab dort lief jeder für sich weiter. Die Strecke zwischen VP 4 und 5 war nicht besonders schön. Das einzig spannende war eine Flussüberquerung, bei der die Füße ziemlich nass wurden, was aber auch sehr erfrischend war. Der Mann mit dem Hammer ereilte mich dann zwischen der fünften und sechsten Verpflegungsstation. Ab VP 5 ging es in der Mittagshitze über Singletrails und Olivenhaine bergauf. Schatten Fehlanzeige. Danach trafen wir auf eine dunkel asphaltierte Straße, die die Wärme zusätzlich abgab. Langsam wurde auch das Wasser knapp. Ich überlegte, wo ich gegebenenfalls Wasser herbekommen könnte, aber es bot sich keine Gelegenheit. Langsam wandernd setzte ich meinen Weg über den Asphalt fort. Mental eine große Herausforderung. Ich glaube, das waren die schlimmsten 10 Kilometer, die ich jemals in meinem Leben gelaufen bin. Irgendwann hörte ich die Rufe der sechsten und letzten Verpflegungsstation. Puh, geschafft! Da gab es Cola, Eis, Wasser. Also alles, was ich wollte. Die letzten 9 Kilometer bis zum Ziel in Alhama de Granada waren dann nur noch ein Klacks. Schlimmer konnte es ja kaum noch werden. Die Nacht verbrachten wir zum Glück nicht wieder in der Turnhalle, sondern auf einem Zeltplatz. Zum ersten Mal schlief ich einigermaßen, sodass ich relativ ausgeruht in die letzte Etappe starten konnte.

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Die letzte Etappe war mit 37 Kilometern die kürzeste der gesamten Woche. Ich nahm alle Körner, die ich noch übrighatte, zusammen und rannte - zumindest bergab - so schnell es noch ging. Die Etappe mochte ich irgendwie. Das war meine Etappe. Ich war erstaunt, wie viel noch ging. Nach rund 4 Stunden und 20 Minuten erreichte ich als 13. das Ziel. Ich würde sagen: alles richtiggemacht. Ich war angekommen.

Rückblickend betrachtet war es - trotz der großen Hitze - ein schöner Lauf durch tolle Landschaft, die man so wohl nur selten zu Gesicht bekommt. Ob ich dort nochmal starte, steht noch in den Sternen. Zumindest habe ich viel über mich gelernt, viele neue Leute kennengelernt und spannende Geschichten erfahren. Etappenläufe sind also definitiv etwas, was ich gerne nochmal mache. Vielleicht schon im nächsten Jahr. Jetzt konzentriere ich mich erst einmal auf den BUF und freue mich auf meinen ersten 24-Stunden-Lauf im August.

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Dietmar Rosenau nahm bereits das zweite Mal an der Veranstaltung teil.

Text: Anna Christina Nowack, Bilder: Anna Christina Nowak, Dietmar Rosenau und mit freundlicher Genehmigung vom Team Axarsport, 18.07.2019 

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Es lohnt ja immer mal wieder, dieses ganze eigenartige Läufervokabular anhand der Reaktionen von Nichtläufern zu spiegeln. Zum Beispiel mag ich den Moment, wenn irgendeiner im Kollegenkreis auf die Idee kommt, eine peinliche Gesprächspause damit zu überwinden, nachzufragen, welche großen Läufe der Andreas denn demnächst am Start hat und die Minen sich verziehen, wenn ich "Tortour de Ruhr" sage. Perfekt ist dann die Beobachtung wie diese Gesichter aus den Köpfen rausfallen, wenn ich dann noch verrate, wie lange die TTdR denn ist. Empfehlen kann ich auch "Fuffi geht immer" :-)

Reg 1Ein solcher war heute in der Tat auf der Regattabahn zu Duisburg-Wedau angesagt. Ein liebevoll organisierter Lauf von Henning und dem LC Duisburg mit vielen Helfern, zu dem ich mich kurzfristig entschloss. Zwar wäre eigentlich für den TAR Bergtraining angesagt, aber das Verschieben für den Regattalauf hat sich gelohnt. Weil das alles so nett ist hier: kleine Ansprache zu Beginn, Streckenposten, die einen kennen und (wahrscheinlich viele) persönlich anfeuern, zwei VPs auf einer 5,5km-Runde und ein ganz entspannter Bruttostart und Zeitnahme per Stoppuhr. Vielleicht melde ich mich nächstes Jahr etwas zeitiger an ;-)

Meine Startnummernachbarin Gülay, die für den DLL trainiert, habe ich ebenso wie Trailtiger Christian schon vor dem Start getroffen. Befragt auf meinen Plan gab ich ehrlich an, irgendetwas zwischen dem letzten Regattalauf mit 4:38 und der Bestzeit beim Bottroper Herbstwaldlauf mit 4:08 zu erwarten, die gefühlte Fitness ließ mich aber eher etwas in Richtung der letzten Regatta ahnen.

Aber egal, Startaufstellung zur ersten, etwas längeren Runde, die von acht weiteren etwas kürzeren gefolgt werden sollte, runterzählen und los. Rakete Falko Gallenkamp, der heute einen neuen Streckenrekord mit unglaublichen sub dreieinhalb aufstellen sollte, war sofort weg, hinter ihm noch zwei weitere Hasen und ich sortierte mich dahinter ein, um mich dann Stück für Stück einsammeln zu lassen. Wobei der Abstand zu einem "weißen" und einem "blauen" Läufer relativ konstant blieb. Das bemerkte auch Christian, der irgendwann auf mich auflief. Wir quatschen dies und das, verloren darob auch mal die eine oder andere Sekunde, aber es war sehr kurzweilig. Auch das Überholmanöver von Falko Gallenkamp war ein Erlebnis, vergleichbar vielleicht mit der Situation, an irgendeinem brandenburgischen Bahnsteig auf einen Bummelzug zu warten, während so ein full-blown-ICE da durchgeht.

Und die beiden Läufer immer vor uns. Bei km 30 war klar, dass Christian nach vorne zieht (ich hätte sein Tempo auch ohne Absprache nicht halten können) und ich weiter hinterher. Irgendwann überholte ich dann beide, wurde aber selber weiter eingesammelt. Runde 7 und 8 waren sicher etwas zäh, aber auch die gingen vorüber.

In der letzten Runde vernahm ich dann kurz vor dem Ziel ein Getrappel steigender Frequenz. Ich ahnte, was mir da ins Haus stand, wollte mich aber nicht geschlagen geben und versuchte selber einen kleinen Sprint - der im Vergleich zu dem des "Blauen" (der sich nachher als sehr netter, aber eben auch sehr viel fitterer Läufer entpuppte) aber als bemüht bezeichnet werden musste.

Christian hat sich an die Spitze der kleinen Läufertruppe einen guten vierten Platz gesichert - Glückwunsch! Ich kam als Achter rein, immerhin als zweiter meiner AK, mit 4:16 schneller als ich erwartet hatte, auch wenn ich von der Herbstform noch weit weg bin.

Reg 3

Es gab keine außergewöhnlichen Wehwehchen, ich bin zufrieden. Und heute Abend zufällig wieder nach Duisburg mit Freunden in den Ziegenpeter, einen schönen Sonnenuntergang am Rhein genießen. Runde Sache, Dankeschön für den schönen Lauf!

Text und Bilder: Andreas Häußler, 14.07.2019

WiBoLT: Wiesbaden Bonn Lauf/Trail – Rheinsteig Nonstop; 320Km und 11700Hm

Nici1 

Mein Name ist Nicole und da geht’s lang – Foto Anke Wahrlich

Es ist Samstag Abend, der 22. Juni 2019 gegen 19:20 Uhr, als ich den Marktplatz von Bonn erreiche. Endlich!!! Es ist vorbei. Geschafft!!! Ich vergesse meine Uhr zu stoppen. Wie immer. Es ist mir egal. Ich bin da. Habe ich mich gerade auf den letzten 10Km noch groß gefühlt und den Wahnsinn selbst nicht verstanden, musste schlucken und hatte Tränen in den Augen, so fühle ich mich jetzt etwas klein und verloren auf dem Bonner Marktplatz. Erschlagen von mir selbst. Michael Eßer erwartet mich mit den Worten: „Endlich!“ Mehr gibt es auch eigentlich erstmal nicht zu sagen. 947 Km habe ich gebraucht, um hier anzukommen. Verdammt viel. Verdammt lange. Dreimal ging die Sache nämlich deutlich in die Hose.

Nici32015 war´s, als ich mich mutig zum WiboLT angemeldet hatte. Na klar, Das werde ich schon schaffen. Ich war mir sehr sicher. Haben ja schon Andere geschafft. Damals hatte mich die Strecke mitten im Wald vor Rengsdorf zusammengefaltet. Heulend saß ich auf einen Baumstamm und telefonierte mit einem Lauffreund. Bat ihn mich da raus zu holen. Ich war platt und fertig. Ende im Gelände. 205Km etwa... waren es. Meine Sachen holte ich in Feldkirchen (Km 231 – Drop Station und VP) ab. Gegenüber der Loreley hatten wir uns dann eine Unterkunft gesucht und ich weiß noch, wie ich in Gedanken nicht fertig war! Und es sollte noch lange nicht fertig werden. Ich war oben auf dem Weg. Gefangen. Jahrelang. Ich weiß auch noch, dass ich Fisch gegessen und einen leckeren Wein getrunken hatte. Am nächsten Tag waren wir noch einmal beim Niederwalddenkmal oben. Was für eine geile Aussicht hier. Ich muss noch mal her, denke ich. Jeder muss da doch hin! Allen habe ich vom Rhein und dem Rheinsteig erzählt. Auch wenn sie es nicht wissen wollten. War mir doch egal. Ich habe nicht verstanden, dass man da nicht hinfährt. Ok ‘n kleinen Knall könnte ich da schon haben. ´n Treffer eben. Freundlich einen an der Waffel. Das Gedicht von Heinrich Heine war in mir eingebrannt. Gelernt. Loreley. Is‘ ja klar. Genauso wie die Aussichten mit den vielen Burgen. Ich kam mir vor wie eine Prinzessin oder eine „Ritterin“. Viel früher etwa 10 bis 12 Jahre zuvor bin ich da unten schon lang gefahren. Fasziniert von der einmaligen Landschaft. Dem Welterbe Oberes Mittelrheintal.

2016 stand ich dann wieder tapfer und sicher am Start. Jetzt klappt es ja auf alle Fälle. Muss ja. Ich war angespannt nervös. Meine Beinmuskeln verkrampft. Los ging es. Endlich. Wird schon werden. Nach 30Km hatte ich die Verspannungen raus aus dem linken Bein. Rechts... Mist. Es wurde schlimmer. Mein Schienbein jammerte jetzt laut. Ey, man, nach 30Km schon. Heute weiß ich auch, das Calfs Mist sind. Und wahrscheinlich waren die Schuhe auch nicht so das Richtige. Ich zog diese halben Wadenbeißer aus und schnitt die Socken ein. Irgendwann lief ich barfuß im Schuh. Dann schnürte ich die Schuhe anders und hinter der Loreley (Km 107) fing ich an, mir einen Salbenverband zu machen. Ich massierte immer wieder an Wade und Schienbeinmuskeln und lief auf den Ballen bis ich nach 191Km in Vallendar unter den Verband schaute. Die Fußstellung auf den letzten 5Km bis dahin... puhh. Ich wusste nicht, dass man so eine Fehlstellung haben kann. Mein Unterschenkel glühte und über gut 25cm sprang mir eine rote, dicke Entzündung ins Auge. Ich musste einsehen, dass das so nicht mehr lange gut ging. Gut im Sinne von noch nicht gebrochen... Wieder holte ich mein Gepäck in Feldkirchen ab oder besser, ich wurde hin kutschiert. Diesmal bin ich gleich nach Hause und habe mich versteckt, war aber noch 2 Wochen beschäftigt mit der Entzündung und dem Zähne-zusammenbeißen.

2017 klappt es aber sicher. Schon, weil ja alle guten Dinge 3 sind. Voller Hoffnung und mit viel Herz ging ich wieder ran an die Sache. Schlafen wollte ich in Feldkirchen. Mir ist es unterwegs nicht möglich, da ich nie eine Betreuung hatte und somit nicht im Auto schlafen kann, was erlaubt ist. Auf einer harten Bank ging es aber auch nicht. Diese Powerminutennickerchen sind mir ein Rätsel, aber gerne übe ich weiter. Als ich zwischen 19:30 und 19:45 Uhr in Rengsdorf ankomme und kurz danach weiterlaufe, denke ich noch, dass ich gegen 22:00 Uhr im 16Km entfernten Feldkirchen ankommen werde. Doch ich war nun zu lange wach und irrte leicht wirr durch die Gegend. Es war Freitag/Samstag Nacht und ich hatte seit Mittwochmittag kein Auge zugetan. Es wurde 1:30Uhr und ich verstand die Welt nicht mehr, geschweige denn mein Navi... quatschte irgendwas Wirres, als ich im VP ankam und fiel auf die Matte. Um 6:00 Uhr zur Cutt off Zeit wurde ich geweckt. „Nicci willst du jetzt weiter?“ Aus dem Tiefschlaf schrecke ich hoch mit dem Wort: NEIN!!! Später wusste ich nicht, warum ich nein gesagt hatte, aber damit war ich raus... Als ich meine Schlafnot dem Mann der ersten Frau mitteilte, grinste er nur und sagte: „Manche haben es halt besser als du!“ Danke und Tschüß. Im Herbst 2017 beschloss ich dann, dass meine längste Strecke der JUNUT sein wird oder alles was ähnlich lang ist, also max. 240/250Km, denn zwei Nächte konnte ich durch machen. Alles andere naja...Man muss ja auch nicht alles können... auch wenn man will. Ich mach ja dann später eh wieder Leichtathletik und renne 10000m Seniorenmeisterschaften... doch bestimmt!

So war es auch nicht weiter wild für mich, dass 2018 gar kein WiBoLT stattfand. Ich brauchte es nicht mehr. Was für ein Glück. Wenn da bloß nicht immer die Rheindokus, das Gedicht, die Lieder, die Freunde und die Bilder im Kopf wären. Ich war nicht fertig. Ich gebe nicht einfach so auf.... Na egal, das mache ich nicht mehr. Nie wieder... bis... bis 2019.

Und nein es war nicht lange geplant. Ich hängte es nicht groß an die Glocke und nur durch die KH Schließung in Hersbruck, konnte ich so viel Frei am Stück im Juni so plötzlich haben. In Herschi ging schon lange nichts mehr. Wir waren am Limit. Als wir mitgeteilt bekamen, dass wir hier in 8 Wochen schließen, zog es mir 3 Tage vor dem JUNUT die Füße weg, aber ich lief ihn trotzdem, weil, wenn ich auf dem Sofa sitze, hilft das auch Keinem und außerdem war ich mir sicher, dass ich ihn schaffe. Ich hatte 4 Monate dafür trainiert. Das ist mein JUNUT. Mein 7. Start. Meine JUNUT-Familie. Ich lasse es mir nicht nehmen, wenn ICH es WILL. Mein Kopf fühlte sich leer an. Alles ging automatisch. 42 Stunden und mehr ratterte es unentwegt im Hirn und ohne es zu wollen, dachte ich 2Km vor Dietfurt: dieses Jahr schaffe ich den WiBoLT. Keine Ahnung wo der Gedanke jetzt her kam. Ich brauchte nur frei. Als ich dort in Dietfurt ins Ziel komme, ist einer meiner ersten Sätze dann zur Chefin Margot: Ich verstehe nicht, dass ich schon da bin. Ich habe doch noch nicht zu Ende gedacht. Ich war vielleicht auch etwas wirr, aber das erklärt sich sicher auch im langen wach sein. Anfang Mai hatte ich den Dienstplan und es hatte geklappt. Im Gesichtsbuch schrieb ich nichts. Ich kann ja immer noch was schreiben, wenn ich Feldkirchen verlasse, so dachte ich. JUNUT Chef Gerhard entdeckte mich aber dennoch und fragte ca. 2,5h vor dem Start per Messenger, ob ich denn nur zur Zierde auf der Startliste stehe oder jetzt wirklich in Wiesbaden schwitze. Ich fand erst mal, dass ich eine schöne Zierde bin und schrieb dann die Wahrheit. Ich wollte, wenn es geht, bis Sonntag 12:00 Uhr in Bonn sein und wenn nicht auch 2 Stunden später mit DNF. Ich mach das jetzt zu Ende. Es ist eine Angelegenheit zwischen mir und dem Weg. Ganz langsam und mit dem Ziel dieses zu erreichen. Kein Druck. Kein Nichts. Vier oder Fünf andere Lauffreunde hab‘ ich auch noch eingeweiht und der Rest der Welt war mir erst mal herzlich egal, weil ich war beschäftigt und offline. Rennhandy an mit ein paar wenigen wichtigen SMS Nummern (man freut sich ja doch mal, wenn eine Nachricht aus der Zivilisation eintrifft...) und Wischfone aus und ab ins Abenteuer. Kurz vor dem Start lernte ich noch meine Vereinsmitglieder Klaus mit seiner Cathrin und Stefan kennen und unterwegs turnte auch Michael Vorwerg immer mal in meiner Nähe rum. Cathrin meinte vor dem Start, dass wir unbedingt ein Bild machen müssen, weil der Michael (Irrgang war wohl gemeint, der Sportchef der LG Ultralauf) freut sich dann. Na wir wollen ja, dass er sich freut und posieren etwas rum. Ich mag ja eigentlich gar keine Vorstartbilder, aber in Anbetracht der Tatsache, dass man bei so einer Streckenlänge wohl vorher besser aussieht als hinterher, war es mir diesmal ausnahmsweise egal. Noch hier und da ein Wiedersehen, Hallo und Gedrücke. Ach, wie schön. Sind ja auch immer die gleichen Mittäter. Den Tracker an und dem Briefing gelauscht. Ich bin wieder hier!

Da stehe ich nun. Eingehüllt in Demut, einer Menge Respekt vor dem Weg, vor mir und dem Ungewissen. Vielleicht auch ein bisschen mit „Hosen voll“, aber ich war zumindest mutig, fand ich. Mit den ersten Worten von Michaels Briefing im Kopf, machte ich mich zusammen mit meinen Artgenossen auf den Weg. Die Worte sollten mich noch einholen: „Ihr werdet euch verlaufen!“ Ja, da flutscht die Motivation erst mal drüber. Man will so was ja nicht hören. Verlaufen? Ich doch nicht! Bei 33 Grad rollten wir vorsichtig davon. Bloß nicht so doll die Füße heben. Ich will ja nicht unnütz Kalorien auf den Weg schmeißen. Schön ruhig. Ich habe Zeit. Richtig viel Zeit. Der erste VP wird in Schlangenbad erreicht. Meine Beine fühlen sich gut an, sind leicht und ich lasse mich gerne überholen. Noch weiß ich, was ich tue und freue mich auf die Nacht. Auch weil es hoffentlich dann etwas mehr Luft zum Atmen gibt. Bei so einer langen Strecke, dachte ich mir, dass es reicht, wenn ich so nach 2:30h in Schlangenbad bei Km 16,7 bin. Das reicht vollkommen aus. Wie gesagt, ich bin geizig mit Kalorien. Nichts wegwerfen. Und so beobachte ich gerne die Anderen und lass mein Gehirn denken, was es will. In Schlangenbad angekommen, sitzen Michael Eßer und Ulrich Hansmann (quasi die Chefs) vor der Pizzeria und haben leider keine Pizza vor sich. Schade, mein Plan war eigentlich mir ein Stück zu klauen, aber ein Keks und ein warmes Bier tun´s ja auch. Man muss bescheiden sein. Hilft ja nichts. Noch ist es hell und nach dem kurzen Stopp geht es weiter auf die längste Etappe. 38Km sind es jetzt bis zum Niederwalddenkmal und ich freue mich jetzt schon auf diese Aussicht, die auch mitten in der Nacht einmalig ist. Aber erst mal weiter. Plötzlich kommt mir immer wieder in den Sinn, dass es so schön ist, da zu sein, wo ich gerade bin. Ich habe es vermisst. Hier im Moment zu sein. Es ist wieder anders als beim JUNUT im April. Ich bin auf der Strecke. Konzentriert auf den Weg und mit mir. Ich will nur anders als beim JUNUT und hier zuvor Pausen machen. Ich bin unterwegs. Ich bin hier. Ich bin auf dem Rheinsteig. Der Alltag ist weit weg und nicht wichtig. Bis Kiedrich ist es hell. So ungefähr. Ich laufe und gehe im Wechsel. Laufwandern oder Speedwandern nenne ich das. Trinke, esse, schaue und genieße die Weinberge um mich herum, aber auch die Wälder. Kurz vor Kiedrich spuckt mich der Wald aus. Ein Traum die Lage und der Moment, vorbei an einer Burgruine, runter über Treppen und ein kleines Stückchen durch den Ort. Ich habe nichts vergessen. Die Luft ist tropisch und in der Ferne blitzt immer Mal der gesamte Himmel hell auf. Gigantisch und groß. Das geht bis 3:00Uhr gut, ohne dass ein Tropfen fällt. Oh Gewitter, bleib bitte da, wo du bist! Glücklich bin ich auch mit meinem Rucksack, der leer etwa nur 280gr wiegt und außerdem gibt es ja nicht viele in Größe XS und 20L für Mädchen. Um an manche Dinge wie Handy, Magnesium, Salz, Basica und Gedöns schnell ran zu kommen, habe ich noch ‘ne Bauchtasche um. Stören die Stöcke, was sie bei mir manchmal tun, kann ich sie schnell vorne oder an der Bauchtasche befestigen. Ich bin froh, dass das passt. Da kann man sich schon mal freuen. Durch viele Weinberge geht es so dahin. Klöster, Weingute, Schlösser wechseln sich ab. Obwohl es mitten in der Nacht ist und ich jetzt allein unterwegs bin, erkenne ich den Weg zwischen den Weinbergen wieder. Ich beschließe, mich mal näher mit diesen Weinen zu beschäftigen, wenn ich wieder daheim bin. Ich glaube, diese Weine haben es sich jetzt bei mir auch verdient. Ein kleines bisschen später als gedacht treffe ich nach 2:40 Uhr oben am Tempel vor dem Niederwalddenkmal ein. Ich freue mich, auch Klaus dort lebend zu sehen und genieße mit einer Kartoffelsuppe und ‘ner Flasche Iso die Aussicht im Campingstuhl. Herrrrlich. Das ist so eine Stelle zum Zeit anhalten. Bald schon aber breche ich wieder auf. Kurz dahinter geht es am Niederwalddenkmal vorbei. Das Denkmal liegt oberhalb der Stadt Rüdesheim und soll an die Einigung Deutschlands von 1871 erinnern (fertig gebaut 1883). Es gehört seit 2002 zum UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal. Und genau da befinde ich mich nun bis Koblenz. Die nächste Station ist die 20Km entfernte Weinstadt Lorch bei Kilometer 75 etwa. Wann ich genau da war, weiß ich nicht mehr. Am VP traf ich Hannes und Michael Vorwerg und ich weiß noch, dass ich ein halbes Brötchen, einen Pfeffi Tee, Cola mit ‘n Weizenbierschuss und ein Rührei hatte. Ich frühstücke sonst anders. Hannes und Michael ließ ich erst mal ziehen. Ich wollte unterwegs nicht unbedingt viel reden. Mir reicht ab und zu mal und ich hatte ja auch meinen Rhythmus. Bald machten sie eine Zwangspause und ich wackelte vorbei. Es ging jetzt heftig hoch in den Weinbergen. Waden wurden gedehnt, die Sonne knallte und der Sauerstoff war knapp. Ich freute mich jetzt auf die Loreley und ein Wiedersehen mit Eva, die dort den VP mitbetreut hatte und fotografierte. Sie war eine, die wusste, dass ich da bin und jetzt komme. Im Kopf besangen jetzt Dschingis Khan die Loreley im Wechsel mit dem Gedicht von Heinrich Heine. Manchmal sang ich leise vor mich her. War mir doch egal. Der Tag war schön, sonnig und verdammt steil die An und Abstiege. Hannes und Micha ließ ich wieder vorbei. Ich brauchte auch eine kleine „Zwangspause“ und ich wollte mich nicht drängen lassen. Ich hatte Zeit. Is‘ ja noch nicht Sonntag. Gegen 12:30Uhr wollte ich da sein. Es war wohl etwas früher, als ich Eva direkt in die Arme lief. Kilometer 107. Dropdingsstation. Erstmal was trinken, Tasche schnappen und ab unter die Dusche. Frische Klamotten, überall die Akkus gewechselt, neues Tape an die Knie, Riegel auffüllen, einmal über die Mini Blackroll gerollt am Boden, Zähne putzen... als fast neuer Mensch und ohne Eile ging ich wieder zum VP. Eva wartete schon und bediente mich mit Suppe, Kaffee und was anderes zum Trinken. Es war schön, sich wieder zu sehen und zu quatschen. Klaus, Michael und Stefan waren auch irgendwie mit am Tisch. So ganz habe ich aber nicht auf sie aufgepasst, weil ich war ja mit mir beschäftigt. Noch was für unterwegs in den Rucksack vom VP-Tisch gestopft, noch mal gedrückt... alles Gute und Tschüss, weil ich muss ja weiter ziehen. Auf geht’s. Ich wackel so vor mich hin, muss erst mal wieder in Schwung kommen. Aber mit zunehmendem Alter hat man da ja Übung drin. Mit dem in Gang kommen. Nächster Stopp: Uschi. Ja, genau. Es geht zu Uschi. Uschis Wanderstation in Oberkestert bei Kilometer 124. Vorbei an Burg Katz, dem Dreiburgenblick und später auch der Burg Maus, logisch finde ich. Keine Katze ohne Maus. Auf der anderen Rheinseite stehen auch Burgen. 40 sollen es zwischen Rüdesheim/Bingen und Koblenz sein. Weltweit die größte Dichte. Glaube ich... Wie es hier wohl früher war? So ganz kann ich erst mal nicht dran denken, denn mein Rucksack scheuert an der rechten Schulter. Als ich anhalte, ein Pflaster raus krame, kommt Klaus an mir vorbei. Als er merkt, dass ich noch lebe und ich sage, dass es nicht so schlimm ist, murmelt auch er etwas von Uschi. Jepp, bis gleich! Der Schulter ist das egal, wo es hin geht. Ist zwar jetzt aufgescheuert, aber versorgt mit Pflaster. Passt schon. N bisschen Schwund is‘ ja immer. Draußen weist die Schwester von Uschi Jugendliche auf den Zeltplatz ein und mich mit strengen Worten im leichten Befehlston in die Wanderstation. Da gehorche ich doch gerne. Man will ja auch keinen Ärger. Ich komme kurz nach Klaus und knapp vor Michael dort an. Aus dem Kühlschrank springt mich ein Paulaner Weizen Zitrone ohne Umdrehungen an und Uschi schmiert mir noch mit Liebe ‘ne Käse-Salamistulle. Nie war ‘ne Scheibe Brot so lecker. Michael nahm ein Weizen und ein Bett und Klaus ein Weizen ohne Zitrone, dafür aber mit Käsekuchen. So unterschiedlich kann Abendessen sein.

Bald bin ich wieder aufgebrochen und es dauerte nicht lange, bis die ersten Tropfen fielen. Schnell wurde ein heftiger Regen draus und da es mir zu warm war für Gore Tex Klamotten, hatte ich griffbereit einen Einmalregenponcho, gleich neben der Notfalldecke im Rucksack und zog ihn geschwind drüber. Es goss wie aus Kübeln und der Weg, der jetzt auch schmal war, wurde sofort seifig. Der ausgetrocknete Boden konnte das Wasser nicht aufnehmen. Vorsichtig tippelte ich konzentriert auf den nächsten Schritt über die Wege und überholte wieder Klaus. Kurz hinter Burg Liebenstein, bei Kamp Bornhofen war der nächste VP. Verpflegungspunkt war vielleicht etwas übertrieben. Ein großer Wasserkanister stand bereit für uns. Wasser auffüllen war wichtig, denn bis Braubach bei Km 160 und Halbzeit dauert es noch bis kurz nach Mitternacht. An manchen Stellen ist es weiterhin glatt und stürzen könnte man locker hier und da. Dafür ist die Luft herrlich. Endlich mal Sauerstoff. Auf einer Bank ziehe ich mich um und an. Die Socken sind mir zu kalt und nass, also mit einen doofen Bauchgefühl diese aus (ich trage seit dem Start Kompressionsstrümpfe...) jetzt kommen die Wasser“dichten“ und wärmeren an die Füße und vor allen ein langes Hemd, Poncho aus und ‘ne Regenhose an. Nicht wegen des Regens. Der hatte aufgehört, aber auf den schmalen Pfaden hängt so viel klatschnasses Gras drin... brrr... kalt, nass, doof. Da war an so manchen Stellen gar kein Weg zu sehen. Der ganze Rheinsteig eine Wiese. Wieder beginnt eine Nacht und gegen 0:30Uhr bin in Braubach. Natürlich nimmt der Weg noch die Marksburg mit und diese ist eingepackt im Nebel. Wüsste ich jetzt nicht, wo ich lang muss und hätte kein Navi, ich hätte es nicht so schnell gefunden. Denn: „Wie sie sehen, sehen sie nichts!“ In Braubach gab‘s zur Abwechslung mal keine Suppe, sondern ‘n Stück Kuchen, Tee und Kaffee. Ich ziehe die nassen kalten Stützstrümpfe wieder an, da trotz Einschneiden der Socken mit einem kleinen Taschenmesser, der Unterschenkel sehr leicht geschwollen ist. Vielleicht liegt es auch eher am Kopf und dem Dejavue. Aber so ist es besser. Hannes meinte jetzt, er kommt mit mir mit. Ääähm, ok. Gegen 1:00 Uhr brechen wir wieder auf und vor uns liegt eine kurze Etappe bis zum VP Ruppertsklamm bei Km 170. Die Zeit verging wie im Fluge und der Weg durch die Klamm auch. Der ist da immer anders, je nach Wasser, welches von oben sich seinen Weg bahnt durch die Schlucht. Springen, laufen, gehen von links nach rechts und wieder zurück und am Seil sorgen in der dunklen Nacht für Abwechslung. Leider ist das ja immer so nach 20min vorbei und wir werden mit einem Lagerfeuer und einem richtig guten Buffet erwartet. Mitten im Wald auf einer Hütte und vorher wird Petra ordentlich gedrückt, eine weitere Freundin, die hier mit dem Touristbüro Lahnstein das Ganze organisiert. Und obwohl ich mir mehr Zeit lasse, war ich noch nie so schnell hier oben an diesem VP. Keine Ahnung... läuft halt. Am Feuer ist es mir zu warm, weil Hitze habe ich seit Jahren ab und zu selber. Der Kaffee und der Imbiss tun uns gut und damit wir unterwegs nicht verhungern, sollen wir noch was einpacken... gerne doch, weil man weiß ja nie. Nächster VP Vallendar bei Km 191. Vorher wartet noch Koblenz auf uns. Hannes legt sich kaum am Rhein angekommen auf eine Bank ab. Ich laufe weiter am Rhein entlang zur Festung Ehrenbreitstein. Man, was bin ich hier damals beim ersten Mal umhergeirrt und oben auf dem Plateau erst. Jetzt gehe ich sicher meinen Weg trotz Baustellen, aber es zieht sich. Ich akzeptiere es, dass ich auch mal gefühlt ewig gehe und versuche dies schnell zu tun. Ich bin ab jetzt bis Feldkirchen in einem Bereich, wo mir der WiBoLT gezeigt hat, wer hier der Stärkere ist. Schwer ist somit der Weg nach Vallendar und die Kilometer sehr lang. Die Sonne knallt. Ich hab ein Tief. Dort versorgt mich erstmal Cathrin und geht ein Brötchen kaufen, schmiert es mir, während ich im Stuhl liege, Gemüsebrühe schlürfe und Käsestangen knappere. Zum Glück kann mein Magen alles und wenn nicht, wenn was drin ist, kann man besser kotzen. Ohne tut es weh. Hatte ich auch schon und ging dann auf den Kreislauf. Aber zum Glück bleibt alles drin. Das Brötchen ist für unterwegs und nach 30min etwa breche ich wieder auf. Alles ist wieder im Lot. Weiter. In Sayn und das ist schon lange vorher im Kopf geplant, wird ein Eis gekauft. Wie ich mich da drauf gefreut habe. Kleine Dinge werden groß unterwegs und nehmen an Bedeutung zu. Der Weg bis Rengsdorf zieht sich und dann darf man auch noch mal bergab und um den Ort herumlaufen und wieder aufsteigen. Wenn es mir nicht gut geht, beschließe ich nach 50 bis 55min je nachdem, wann ein Baumstamm oder eine Bank kommt, mich 5min hinzusetzen. Also einmal pro Stunde. Kurz sitzen, Rucksack ab, Pipipause, Waden leicht massieren, dehnen und manchmal auch Blockierungen lösen und liegen dabei... Je nachdem. Ich schaue auf mein Handy. Dieter Ladegast hat mir geschrieben. Mir laufen die Tränen runter, denn vor ca. 10Km habe ich mir gedacht, was soll der ganze Scheiß. Ich könnte doch einfach nach Hause gehen, 10000m oder Marathon laufen, dafür trainieren und wieder fliegen. Ich denke an meine Leichtathletik-Zeiten und den 36:40min über 10000m oder der 2:52h über Marathon, aber ich denke nicht wirklich ans Aufgeben. Ich mache einfach weiter. Ich kann nur nicht mehr fliegen. Ich bin gerührt über diese Nachricht. Die hat mir so sehr geholfen und das Wissen, dass doch liebe Menschen nach mir schauen und mich per Tracking verfolgen. „Halt durch, liebe Nici! Trotz dieser Sch.... hitze. Viele denken an dich und hoffen, dass du dieses Monster bewältigst.“ Immer wieder kamen mal Nachrichten und Grüße vom „JUNUT“ und von Bernd. Immer las ich sie mindestens doppelt. Ich konnte nur nicht so viel antworten, versuchte aber ein Lebenszeichen zu geben. Ich hatte jetzt so eine Nachricht gebraucht und beschließe sie immer wieder zu lesen, wenn es schwer ist. Es ist so ein unendlicher Weg in den Ort hoch und rein. Was für eine Überraschung dann als mir Stefan Lang entgegenkam. Ich war gerade mental auf 180, weil ich mich kurz verlaufen hatte. Stefan meinte nur: hast du auf dein Navi geschaut? Äääähm... nein. Na ein höherer Puls sorgt ja auch dafür, dass man wach ist. Ich Depp. Ich hab‘s vergessen. Müde halt. Diese Anspannung wird sich wohl erst legen, wenn ich Feldkirchen verlasse. Die Sonne knallt. Der Käsekuchen auch. Voll lecker und etwas kühl im VP Raum. Das tut gut. Wasser auffüllen und Iso rein in die Frau. Wir verabreden uns für den nächsten VP. Auf geht’s nach Feldkirchen. Was für ein langer Latsch. Es ist Freitagnachmittag und ich bin mehr als 50 Stunden wach. 54 als ich in Feldkirchen eintreffe. Vorher telefoniere ich noch mit Dieter L. und stelle dumme Fragen, die er mir aber in aller Ruhe beantwortet. („Dieter siehst du mich? Wo ist der Weg? Ich verstehe das nicht?! Und: Wo muss ich hin? - ach da ist er ja... sorry... so in etwa klang das) In Feldkirchen bin ich sehr konzentriert und durchgeplant. Es läuft und nach duschen, verpflastern, Rucksack rüsten, Lampen, Navi und so weiter, einen halben Radler, lege ich mich hin und schlafe sofort für 3 Stunden ein. 23:15Uhr klingelt mein Wecker und ich sehe bestimmt aus, wie eine überfahrene Schildkröte. Alles geht automatisch. Kurze Zeit später sitze bei Nudeln, trinke mein restliches Radler und noch vor Mitternacht verlasse ich den VP. Ich spüre ein leichtes Grinsen im Gesicht. Ich bin mir sicher, ich schaffe es. Als ich auf mein Handy schaue, sehe ich eine Nachricht vom JUNUT Chef Gerhard. Ich antworte beim Gehen. Und auch Bernd war jetzt am Rheinsteig gelandet und stand in Arienheller... irgendwo. Die Nacht wird lang, klar und dunkel. Ich habe immer mal wieder Verlaufer drin. Nicht viel, aber nervig. Dennoch bin ich innerlich ruhig. Nächster VP Arienheller. Irgendwie hatte ich im Kopf aber Rheinbrohl, einen Ort davor auf dem Schirm. Das entpuppte sich als wahre Geduldsprobe. In Arienheller war es leider noch nicht hell, darum konnte ich das Auto von Bernd nicht sehen. Der VP war ein Unbemannter. Eine Bank mit viel Essen und Trinken. Der Pfeil auf dem Boden lud direkt zur Drehung ein und einem weiter. Ich hätte so gerne einen heißen Tee gehabt. Hatte es mir stundenlang so vorgestellt. Ok. Is nicht. Geduld! Weil geht ja auch ohne. Aber wo war Bernd? Ich rief ihn an, da war ich schon etwa wieder einen knappen Kilometer weiter. Ich dachte er kommt noch. Wieder war ich auf 180, denke, ich hab‘ was falsch gemacht, während er verschlafen gerade wohl nicht wusste, wo oben und unten ist und gar nicht wirklich antworten konnte. Der Morgen kam schnell. Ich war im Tritt und ich war noch nie so weit wie jetzt. Auf nach Linz. Ich freute mich auf Karen und Thorsten. Dort angekommen, reanimierte mich die Suppe und wie ich da so die letzten Löffel mit halben Brötchen verdrückt hatte, kommt doch der Klaus angewackelt. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Km 275. Karen und Thorsten noch mal gedrückt. Jetzt kommt das Siebengebirge. Bis Rhöndorf zieht es sich. Ich stecke mir das erste Mal meinen MP 3 Player in die Ohren und suche was jetzt Passendes und wo mir nach ist. Ich höre und singe laut „Pur“ mit. Abenteuerland, Lena, Prinzessin... lange nicht gehört. Es gefällt mir jetzt und ich haue schwungvoll die Stöcke in den Weg. Die Erpeler Ley verwirrt mich etwas. Die Aussicht nicht. Die ist wie so oft einfach geil. Es wird wieder heiß und die Anstiege nehmen oft kein Ende. Ich fluche staunend vor mich her. „Das kann doch nicht sein! Hinter dieser Kurve muss ich doch oben sein... schade doch noch nicht...“. Ey man, ich kann gleich nicht mehr, echt jetzt. Weiter geht es nach Rhöndorf. Das ist so was von brutal. Ich frage Dieter per SMS, ob Beine eigentlich platzen können, weil ich mich frage, wie weit ich so gehen kann und was mit mir passiert. Er meinte aber, dass wenn dann seine und nicht meine platzen, wegen der Dicke. Aber ich weiß ja nicht. Meine Unterschenkel sind gefühlt auch doppelt so dick. Ich wundere mich, dass ich sie noch anheben kann. In Rhöndorf laufe ich fast Bernd um. Na endlich isser da! Ich beschäftige ihn gleich mal mit Wasser auffüllen und gehe in den kühlen Raum. Irgendwas ohne Umdrehungen bitte und ein Stück Melone geht rein. Mal kurz sitzen und dann kam der Moment, der Moment, wo ich den letzten VP vor Bonn verlasse. Und es wird sich noch ziehen. Oben am Drachenfels verlaufe ich mich, nachdem ich die Aussicht... ey booooh geil, aber leider war ich nachmittags da und gefühlt 1000 Menschen auch. Der Weg bergab war gesperrt und ich irrte dreimal müde zur Burgruine rauf und rum, starrte auf mein Navi, den Zettel und hab das nicht verstanden. Ich war verzweifelt. Menschenmassen liefen mich um und rempelten. Ich wollte jetzt bitte in den Wald zurück und alleine sein. Jetzt! In der größten Verzweiflung sah ich doch den Weg, lief runter und verlief mich dort noch mal... shit. Ich verstehe es nicht mehr so ganz. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Es ist heiß und ich träume von einem Eis. Bald hab‘ ich es wieder und es geht noch über den Petersberg. Ich brauche alle 30min für 3min ‘ne Pause. Das tut gut. Ich bin breit. Fertig. Auf einmal öffnet sich der Wald und ich sehe Bonn. Mir kommen die Tränen. Da vorne. Da!!! Ist es wirklich gleich vorbei? Ich will nicht, dass es vorbei ist! Ich quere eine Straße und sehe rechts ein Ortsschild. Bonn ist durchgestrichen. Alles verschwimmt. Es dauert noch. Menschen, die mir entgegen kommen, sehen seit Stunden gleich aus und Wege auch. Ich bin müde im Kopf. Und will nur noch absteigen. Was für eine Erlösung als ich das endlich kann! Eine Siedlung, die Telekom und aaaah Hilfe Menschen... ein Park. Ich wurschtel mich durch bis ich am Rhein bin, der leise rauscht wie ein Meer. So geradeaus. Lange geradeaus bis zur Kennedybrücke. Wie oft habe ich davon geträumt. Dann geht es da drüber, noch etwas auf der anderen Seite entlang und durch die Menschenmassen auf den Marktplatz. Ich bin da!!! Ich falle Michael entgegen, der mich begrüßt mit: „Endlich!“... Meine Zeit weiß ich immer noch nicht, aber ich hätte ab Feldkirchen mit etwa Mitternacht gerechnet. Es ist etwa 19:20Uhr und es ist Samstag! Ich hänge im Stuhl, bekomme ein schokoladiges Schokoladeneis von Bernd, ein Weizen und darf sitzen bleiben. 73 Stunden und etwa 20 Minuten hat die Reise von Wiesbaden nach Bonn gedauert. Ich begreife es nicht so ganz. Auch heute noch nicht. Ich bin noch am Rhein... Gefangen auf dem Weg... vielleicht für immer... stolz... groß und klein gleichzeitig... immer noch mit Demut und Abenteuerlust... draußen unterwegs... es war ‘ne geile Zeit.

DANKESCHÖN für die bekloppte Idee, da lang zu Laufen. Danke für den WiBoLT... und HERZLICHEN DANK an Margot, Gerhard, Dieter, Stefan und seine Mädels, Michael Eßer mit Team, Eva und Petra, Karen und Thorsten, allen Helfern an den VPs und Mitfieberern, Möglichmachern und vor allen Bernd, der extra für mich hochkam nach Bonn, um mich abzuholen und im Ziel zu sein. DANKE fürs Lesen und Allen die sich irgendwie gemeldet haben, um mir zu gratulieren.

Nici2

Ende.... Foto Bernd Mirbach

Text: Nicole Kresse, 10.07.2019

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