Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

„Ahoj!!!!“

So begrüßt man sich in unserem Nachbarland Tschechien, wo dieses Mal icke Laufvogel zu Besuch und zum Ultralaufen war. Die Stadt heißt Pilsen, ist die größte Stadt Westböhmens und nennt sich selber "Die Bierstadt" und das völlig zu Recht, denn dort wurde eines unserer Sportler-Lieblingsgetränke erfunden: Det leckere Pils. Und Auto Skoda kennt doch auch jeder, oder? Wurde 1869 dort gegründet. 2015 war Pilsen die Kulturhauptstadt Europas. Auch das zu Recht, denn sie hat eine sehenswerte Altstadt mit unzähligen Restaurants und Cafés, die ich aus Zeitgründen und wegen begrenzter Aufnahme-kapazitäten meines Magens nur punktuell erkunden konnte. Leider!!!!!

Pilsen 1

Bekannte Persönlichkeiten haben in dieser Stadt auch ihre Spuren hinterlassen, wie etwa der Sänger Karel Gott (wurde in Pilsen geboren- "Die Biene Maja") oder der Komponist Bedrich Smetana (z. B. "Die Moldau"), der hier das Gymnasium besuchte. Bekannt sind auch die Marionettenpuppen Spejbl und Hurvinek, die in Pilsen vor einhundert Jahren erfunden wurden und von vielen Kindern (aber auch Erwachsenen) noch heute geliebt werden. Wer mehr wissen möchte, sollte sich unbedingt das Marionettenmuseum anschauen, wo Spielspaß für große und kleine Menschen garantiert ist.

Pilsen 0Den Kopf angefüllt mit Kultur und Sehenswürdigkeiten und den Magen mit böhmischen Leckereien machte ich mich auf den Weg zum Sportstadion, das etwa 2 km außerhalb der Altstadt liegt. Die Anlage besteht im Wesentlichen aus einer großen zum Teil überdachten Tribühne und einem Leichtathletikplatz mit einer 400-Meter-Tartanbahn mit einem realtiv weichen Belag. Alles modern und in einem guten Zustand. Erst jetzt wurde mir jedoch so allmählich klar, dass ich hier vor ganz neue Herausforderungen gestellt werde. Das fängt schon damit an, dass jede Runde nur 400 m beträgt. Ich musste also erst mal mein Gehirn dazu überreden 100, 200 und noch mehr Runden zu laufen. Und das in einer Umgebung mit einem Unterhaltungswert wie es für Sportplätze dieser Art typisch ist, nämlich recht eintönig und dieser Eindruck steigert sich von Runde zu Runde. Mitzählen ist bei dieser großen Zahl von Runden auch schwierig und spätestens ab Runde 70 sagt der Kopf: Äääääääh, wo war ich denn gerade? Runde 68 oder 74? Oder doch 77?

Ich musste mir daher vorher eine Basis schaffen, um kein Zählkarussell in meinem Kopf zu haben. Vielleicht den Kopf auf "Reset" stellen – oder auf "Stillstand"? Na, Ihr wisst schon, was ich meine. So, dass man nicht andauernd die km zählt, die Zähltafel anschielen muss und die Zeit vernünftig nützt. 50 km wollte ich unbedingt laufen, am liebsten jedoch die 100 km, aber wie??? Dies hatte ich unter diesen Bedingungen noch nie geübt. Das Maximum war ein Marathon auf einer 250 m Bahn in der Halle, ansonsten laufe ich Runden ab 1 km Länge.

Pilsen 2

Angst vor der Tschechischen Sprache? Nun ja, die Homepage des Veranstalters ist für Sprachunkundige etwas schwer verdaulich und man ist auf die Hilfsbereitschaft der Organisatoren vor Ort angewiesen und die war außerordentlich groß und freundlich. Schon in Kladno war ich begeistert über die Gastfreundschaft, die dort allen Teilnehmern zuteil wurde, und die in Pilsen stand dem in nichts nach. Und Sprachbarrieren müssen eben notfalls mit Händen und Füßen überwunden werden, was aber nur selten notwendig war, weil viele Tschechen Englisch und einige auch Deutsch verstehen und sprechen könen.

Pilsen hat sehr viele Sportplätze und da war es für mich sehr hilfreich, dass der organisatorische Leiter der Laufveranstaltung, Herr Sroubek, mir viele Tipps gegeben hat (Hotels, wo man das Auto parken kann usw.). Die Antwort auf meine Fragen in den Mails – unglaublich schnell, als ob er zaubern könnte. Die Organisation? Entspannt – so wie die Böhmen eben sind. Keine Verbissenheit, viel Humor und noch mehr Improvisationstalent. In den 24-Stunden-Lauf waren der 100 km Lauf und einige Kurzstrecken eingebettet. Freundlichkeit und eine unglaubliche innere Ruhe hat dieses Organisationsteam ausgezeichnet. Es muss wohl noch Geheimzutaten in der Böhmischen Küche geben, die ich bei einem zukünftigen weiteren Besuch wohl erkunden sollte.

Pilsen 3

Näheres zum Veranstaltungsort und -ablauf: Im Fitnessraum konnte man übernachten, es gab einen Ort, um Dinge zu deponieren. Alles, was man brauchte, war da. Für meinen größten Feind konnte der Veranstalter nichts und gegen den kann auch keiner was tun: Das Wetter. Angefangen hatte der Lauf bei noch gut erträglichen 8 Grad. Die Temperatur sank jedoch gegen Abend auf 4 Grad. Es wehte ein wahrnehmbarer Wind mit kräftigen Böen zwischendurch und ab der zwölften Stunde fing es auch noch zu regnen an, der die ganze Nacht hindurch fiel und auch den ganzen Sonntag andauerte. Falls es am Körper irgendwo noch eine trockene Stelle gab, war diese mit Hilfe des Windes auch sehr bald nass. Diese Kombination von Kälte, Nässe und Wind, machte allen Läufern schwer zu schaffen, aber ich wollte nicht aufgeben, zumal Antje Krause, Michaela Dimitriadu und all die anderen lieben Kolleginnen und Kollegen draußen liefen – so als ob es Ihnen überhaupt nichts ausmachen würde. Auch mein Schuhwerk war nicht optimal, denn es war eher für Straßenläufe ausgelegt und nicht für eine weiche und durch den Regen rutschige Tartanbahn und das begann sich ab km 30 zu rächen. Ich hatte zu viel Dämpfung unter den Schuhen, aber extra Schuhe wollte ich mir für den Lauf nicht zulegen. Alle übersetzten fleißig für mich alle relevanten Informationen, die ich brauchte - ich gesellte mich dazu, erklärte inoffiziell die 2te Bahn für die Meinige (um die Schnellen nicht zu behindern) und trabte vor mich hin. Zwischendurch einen Tee, ein Süppchen und auch mal umziehen. Dass dies nicht meine Bestleistung sein würde, war mir bald klar, aber so lernt man auch Bescheidenheit, stilvolles Verlieren und sich von unerbittlichem Wetter nicht unterkriegen zu lassen. Auch das waren wichtige und positive Erfahrungen für mich. Im Übrigen übte ich mich in guter Laune, so wie das alle taten. Der Veranstalter – immer da!!! Michaela, die Grande Dame unter den Ultras in Tschechien, hatte eine unglaubliche Energie und lief und lief und lief. Antje Krause übernahm den Job, fleißig Kilometer zu sammeln und wurde schließlich Erste.

Ich hatte in meinem Gepäck diesmal etwas Lektüre mit, denn die Fahrt war lang und Dr. Michele Ufers Flow-Buch forderte mich geradezu auf, das neue Buch „Limit Skills“ zu lesen ohne zu wissen, dass ich bei diesem Lauf meine eigenen Skills erweitern würde. Die optische Aufmachung ist dem „Flow Jäger“ sehr ähnlich, dementsprechend gut lesbar, selbst vor und nach einem 24h Lauf (habe ich an mir selbst getestet), wenn der geistige Horizont eingeschränkter ist, weil der Fokus nur auf dem Laufen liegt. Als ich mich im Gebäude aufwärmte, las ich ein wenig um nicht ständig auf die Uhr zu sehen. Sehr schön – das Buch überforderte mich nicht mit Diagrammen und nicht in der Fachterminologie. Die Interviews bzw. Vitenumrisse von Florian Reuss oder Klemens Wittig (ihres Zeichens Marathonläufer) sind inspirierend und die Schriftgröße so, dass ich keine Brille brauche. Sehr gut lesbar und ein Spagat zwischen Interviews, allg. Erörterungen zum menschlichen Verhalten und Dr. Ufers Lieblingsthema „Flow“ kommt auch zum Tragen. Spätestens in Kapitel 6 hat man etwas davon gehört, wenn man vorher noch nichts davon wusste. Am Ende des Laufes hatte ich mehr als 108 km gesammelt und wenn ich das in Runden ansehe, so waren es immerhin 272 Stück – eine ganz anständige Anzahl an gelaufenen/gegangenen Runden. Es war ein bereichernder Lauf, wo ich viele Erfahrungen sammeln durfte und darum habe ich allen Grund zur Freude und Dankbarkeit.

Pilsen 4

Freunde, das war mein letzter Ultralauf in 2018. Ich hoffe Euch allesamt 2019 irgendwo gesund und munter wieder zu sehen. Lasst es Euch gut gehen und bleibt gesund.

Text: Elisabeth Ploch, Bilder: Vlastimil Sroubek, 31.10.2018

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