Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Abenteuer am Polarkreis

Es ist Mitte Februar, also die Zeit, in der man bei uns in Deutschland an den Beginn des Frühlings denkt. Doch ich befinde mich in arktischer Kälte bei -15° Grad in Rovaniemi, der Hauptstadt der Region Lappland in Finnland, direkt am Polarkreis gelegen.

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Zu dieser Zeit findet hier in Lappland das bedeutendste Winterrennen Europas statt. Vom Veranstalter Polarguide and Logistics werden drei verschiedene Strecken angeboten, die sich in ihrem Charakter sehr unterscheiden. Für alle, die ihre ersten Erfahrungen bei Läufen in der arktischen Zone machen möchten, bietet sich der 66 km lange Ultramarathon an. Für erfahrene Ultraläufer, die auch bereits unter winterlichen Bedingungen unterwegs waren und entsprechende Nachweise vorbringen können, ist dann die 150 km lange Strecke die Herausforderung. Das Highlight und die Königsdisziplin ist jedoch die 308 km lange Strecke, die nur denjenigen Teilnehmern offen steht, die bereits schon mal erfolgreich auf der 150 km Distanz ins Ziel kamen, oder andere Ergebnisse bei Rennen in Alaska (Iditarod Trail Invitational) oder Kanada (Yukon-Arctic-Ultra) nachweisen können. Nachdem ich bereits 2010 und 2012 beim Iditarod Trail Invitational in Alaska 360 km bzw. 480 km und 2014 beim Rovaniemi150 das Ziel erreichte, hatte ich die Qualifikation für Rovaniemi300 in der Tasche und wurde zum Rennen zugelassen.

Die Vorbereitung auf das Rennen bestand darin, dass ich so viel wie möglich auf Schnee trainierte. Da die gesamte Pflicht- und sonstige notwendige Ausrüstung während des Rennens in einer Pulka mitgeführt werden muss, war der Inhalt meines Trainings: Pulkaziehen, Biwakieren, Ausrüstung testen mit einem wöchentlichen Kilometerumfang von ca. 120 Kilometern. Dieses Training absolvierte ich vorwiegend im Allgäu, denn dort hatte ich während der drei Monate der Vorbereitung ideale Bedingungen wie Kälte, Nässe, Schneestürme mit Tiefschnee ohne Ende.

So vorbereitet hatte ich ein unglaublich gutes Gefühl, als ich am 21. Februar in Rovaniemi eintraf. Für den kommenden Tag stand das Pre-Race-Meeting und das Einchecken auf dem Programm. Hierbei wurde die Pflichtausrüstung überprüft und wir erhielten die letzten Informationen zur Strecke und den Rennregeln, die hier sehr streng ausgelegt wurden. Zum Beispiel führt das Verdecken der Startnummer, oder das Nichteinschalten der rot blinkenden Rückleuchte oder der Stirnlampe zur Disqualifikation. Auch durfte keine fremde Hilfe in Anspruch genommen werden oder beim Rennen Ortschaften oder Gehöfte betreten werden, die außerhalb des Trails lagen.

Nach dem letzten Einchecken am Samstagfrüh, dem 23. Februar standen dann um 9 Uhr auf dem Eis des Flusses Ounasjoki, 48 Teilnehmer/-innen auf der 66 km Strecke, 71 Teilnehmer/-innen auf der 150 km und 15 Teilnehmer/innen auf der 300 km Strecke gemeinsam am Start. Mit dabei auch Katharina Schweigstill und Marc Frantzen aus Deutschland auf der 150 km Strecke. Und mit dabei war auch ein Filmteam des NDR, die eine Reportage über dieses ausgewöhnliche Rennen produzierten. Ein internationales Starterfeld aus Läufern, Bikern und Skilangläufer bot ein beeindruckendes Bild. Es stand nämlich jedem Teilnehmer frei, in welcher Disziplin er/sie die Strecke angeht, also ob zu Fuß, mit Fatbike oder mit Ski. Auf der 300 km Distanz entschieden sich sieben Starter/-innen für das Fatbike und acht zu Fuß. Für die Gesamtwertung hat dies keinen Einfluss, hier wird streng nach Zielankunft entschieden. Es erfolgte jedoch noch eine Unterwertung in „Fatbike Frauen/Männer“ und „Fuß Frauen/Männer“.

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Im Vorfeld habe ich mir vorgenommen, das Rennen so anzugehen, dass ich an den ersten zwei Tagen (1 Tag = 24 Laufstunden) je 70 km schaffen möchte und an den folgenden drei Tagen je mindestens 60 km. Damit würde ich das Ziel dann innerhalb des Zeitlimits von 120 Stunden (5 Tage) erreichen. Das hört sich vielleicht nicht nach vielen Tageskilometern an, was aber unwahrscheinlich täuscht. Mit meiner gesamten Ausrüstung wie Schlafsack (der bis -30° Grad tauglich sein muss), Isomatte, kompletter Kochausstattung mit Isokannen, Ersatzkleidung, Verpflegung für die vollen 5 Tage, Ersatzschuhe, Überschuhe, Schneeschuhe, elektronische Ausrüstung mit Ersatzbatterien und Ersatzakku sowie Kleinteilen kamen 20-25 kg zusammen, die ich in einer Pulka (Transportschlitten) hinter mir herzog. Bei der Bekleidung setzte ich vorwiegend auf Produkte aus Merinowolle, da diese auch im nassen Zustand ausreichend wärmen, was vor allem bei den Pausen wichtig war.

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Nach dem Startschuss ging es gleich zur Sache. Da es für alle Strecken einen gemeinsamen Start gab, war es mir wichtig, sich nicht vom Tempo derjenigen, die auf die kurze Distanz angingen, verleiten zu lassen. Nein, stur mein Rennen laufen, das war meine Devise. Nach etwa 28 km kehrten die Teilnehmer/-innen der 66 km Distanz Richtung Rovaniemi zurück. Somit waren nur noch die 150er und 300er auf dem Rundkurs um Rovaniemi unterwegs. Immer wieder mussten Checkpoints angelaufen werden, die in unregelmäßigen Abständen zwischen 9 und 37 km voneinander entfernt waren. Für mich als 300er Läufer gab es keine Zeitlimits innerhalb ich diese erreichen musste, das galt nur für die 150er. Trotzdem schaute ich, dass ich innerhalb dieser Limits blieb, was für mich dann auch bedeutete, dass ich auf die Logistik der CP zurückgreifen konnte. Denn bei den meisten dieser CP wurde Wasser angeboten, sodass ich auf diesem Abschnitt noch nicht auf das Schneeschmelzen angewiesen war. Weitere Annehmlichkeiten wurden nicht angeboten.

Gerade zu Beginn des Rennens erlebten wir einen Warmlufteinbruch. Die eisigen Temperaturen der Vortage waren vorbei und das Thermometer stieg tagsüber sogar in den leichten Plusbereich und nachts auf geringe zweistellige Minusbereiche. Das war eindeutig zu warm, nicht zum Laufen, sondern für die Schnee- und Eisbeschaffenheit. Der Schnee wurde tagsüber stumpf und weich und der Snow-Mobile Trail, auf dem wir unterwegs waren, teilweise knöcheltief. Da es in den Tagen vor dem Start noch kräftig geschneit hatte, lag auf den gefrorenen Flüssen und Seen eine ca. 40 cm dicke Schneeschicht, die sich nun erwärmte. Dadurch entstand das Problem des „Overflows“. Zwischen der Schnee- und Eisschicht bildete sich eine Wasserschicht, teilweise bis zu 30 cm tief und von oben kaum zu sehen. Erst als man durchbrach und im Wasser stand, bemerkte man dies. Vor allem auf der zweiten Hälfte des Rennens geschah mir das oft. Jetzt bewährte sich, dass ich meine wasserdichten „Overboats“ dabei hatte, die über die Laufschuhe gezogen wurden und bis zum Knie reichten. Sobald es Nacht wurde und die Temperaturen fielen, war es etwas leichter zu laufen, jedoch tauchten dann mehr die Probleme der Orientierung auf. Auf dem Abschnitt der ersten 150 km war die Strecke noch mit Markierungsfähnchen incl. Reflektoren gekennzeichnet, so dass ein Verlaufen kaum möglich war. Auf dem zweiten Abschnitt gab es diese nicht mehr. Hier musste ich nun ausschließlich mit dem GPS-Gerät navigieren und mich zurechtfinden. Der GPS-Track wurde vom Veranstalter zum Download zur Verfügung gestellt und von mir bereits im Vorfeld des Rennens auf das GPS Gerät übertragen. Tagsüber war es meist kein Problem sich zu orientieren, bei Nacht lief ich oft nur stur nach dem GPS-Gerät. Vor allem bei einer ca. 5 km langen Querung des Flusses Kemijoki in der dritten Nacht, gab es keinerlei andere Möglichkeit. Die wenigen Snow-Mobil Spuren führten oft nicht in meine Richtung und deshalb durfte ich mich nicht blind darauf verlassen.

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Meinen Tagesablauf hatte ich so geplant, dass ich immer bis Mitternacht unterwegs war und erst dann eine längere Rast- und Schlafpause einlegte. Tagsüber war eine weitere Pause von ca. 1 Stunde eingeplant, die für Wassergewinnung durch Schneeschmelzen und die Einnahme einer warmen Mahlzeit genutzt wurde. Bei der Schlafpause habe ich mein Biwak eingerichtet, eine warme Mahlzeit eingenommen und versucht 4 Stunden zu schlafen. Nachdem dieser Rhythmus in der ersten Nacht überhaupt nicht funktionierte, da ich nicht zur Ruhe kam, ging ich dort nach 2 Stunden Rast wieder los. Dafür war ich dann in der zweiten Nacht so platt, dass ich 6 Stunden Rast benötigte. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich dann den Rhythmus und die Ruhe gefunden, ich war in meinem Rennen angekommen.

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Wichtig war für mich auch, auf der Strecke stets wachsam zu sein. Vor Tieren brauchte ich mir keine Sorgen machen. Auch habe ich mir durch meine jahrelange Erfahrung ein Gespür für die Wegfindung und das Erkennen von Gefahrenstellen im Schnee und Eis angeeignet. Nein, das war alles kein Problem, wachsam musste ich insofern sein, keinen WP (Waypoint) zu vergessen. Auf der Strecke gab es vom Veranstalter bestimmte Wegpunkte, die in einer Abweichung von 50 Metern angelaufen werden mussten. Sobald so ein Wegpunkt erreicht wurde, hatte ich die Aufgabe per GPS-Tracker eine Nachricht an den Renndirektor zu übersenden. Ein Vergessen hätte die Disqualifikation für mich bedeutet. Auf dem zweiten Abschnitt des Rennens waren das immerhin dreiundzwanzig solcher Wegpunkte. Desweiteren hatte ich bei jeder längeren Rast eine separate Nachricht zu übermitteln. Da meine Position durch den GPS-Tracker ständig übermittelt wurde, hatte der Veranstalter eine Kontrolle über mein Vorankommen und gleichzeitig ich eine Sicherheit, im Notfall Hilfe zu rufen.

Auf Grund der schon beschriebenen Streckenbeschaffenheit war es für mich sehr mühsam, voranzukommen. Es gab nie einen Schritt der auf ebener Fläche erfolgte. Die Belastungen durch das dauernde Hin- und Herwackeln, wirkten sich dann auch auf den gesamten Fußsohlenbereich, auf Sprung- und Kniegelenke und letztendlich auf die Hüfte aus. Hinzu kam, dass das ständige Ruckeln an der Hüfte, durch das Ziehen der Pulka, auch die untere Rückenmuskulatur sehr stark beanspruchte. Als ich mich zum Schlafen in meinen Schlafsack legte, konnte ich mir oft nicht vorstellen, wie das am nächsten Tag weitergehen sollte. Überraschend war jedoch, dass die ca. 4-5 Stunden ausreichten und ich mit deutlich weniger Problemen in den neuen Tag starten konnte. Ansonsten gab es ein tägliches Kommen und Gehen von Schmerzen, Müdigkeit und Unaufmerksamkeit.

Für die ganzen Strapazen wurde ich jedoch in hohem Maß entschädigt. Ich erlebte eine traumhafte Winterlandschaft, unberührte Natur und Stille, klare und kalte Nächte mit Sternenhimmel und das Heulen der Wölfe beim Mondaufgang. Ferner hatte ich unglaublich sympathische Spitzensportler kennengelernt, denen alle ein fairer Wettkampf, ein gutes Miteinander und der olympische Gedanke wichtig waren.

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Mein wichtigstes Ziel, das ich täglich verfolgte und im Fokus hatte, war, dieses Rennen erfolgreich zu beenden. Auf Grund der Ergebnisse der letzten Jahre, war mir bewusst, dass dies bisher nur sehr wenigen Sportlern gelungen war. Deshalb war ich auch überglücklich, als die Strapazen und Entbehrungen nach 4 Tagen, 9 Stunden und 50 Minuten und einer Gesamtstrecke von 324 km zu Ende waren. Gemeinsam mit Massimiliano Marta aus Italien, erreichte ich ca. 14 Stunden vor der Cut-off-Zeit das Ziel und durfte dort den Pokal für den zweiten Platz in der Wertung „Foot/Men“ in Empfang nehmen. Damit bin ich nun der erste deutsche Läufer, der beide Rennen, sowohl die 150 km als auch die 300 km in Rovaniemi erfolgreich beenden konnte.

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Was für ein Erlebnis!

Text und Bilder: Wlater Hösch, 08.03.2019

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