Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

SUN 110 : (Winter-) Sonnwendultralauf um den Neusiedlersee am 21.12.2019

SUN1Die erste Austragung dieses Winterultras sollte die erste Bewährungsprobe für mein etwa zwei Monate zuvor operiertes rechtes Knie werden.

Hatte ich im ersten Halbjahr 2019 alle langen Läufe inklusive dem 48 Std.-Lauf in Gols mit 204 Kilometern gelenktechnisch sehr gut überstanden, gab mir der Downhill im Rahmen des lokalen Landkreislauf (Sprint-)Staffel- Wettbewerbes (5,9 km) im Nachbarort den Rest:

Mit sehr starken Schmerzen und einer massiven Knieschwellung konnte ich kaum noch zurück in meinen Heimatort joggen.

In den nächsten Wochen konnte ich nur sehr langsam und unter Schmerzen ein paar Kilometer laufen. Die langen, bis zu 15 Stunden umfassenden, Arbeitstage in der Praxis gestalteten sich ebenso als Herausforderung.

Ein MRT, das im August erfolgte, brachte dann den strukturellen Schaden bildgebend zum Vorschein:

Knochenmarködem im Unterschenkelkopf, aktivierte Arthrose und nicht mehr konfigurierbarer Meniskus. Auf deutsch: der Meniskus hing am Unterschenkelkopf nach unten, im hinteren Bereich war ein Lappeneinriss. Da wäre eigentlich absolute Bewegungspause und Entlastung angesagt gewesen.

Was aber jetzt tun?

Nach Konsultation mit zwei Ärzten, entschied ich mich zur OP. Die entstandenen Schäden würden beim Weiterlaufen weitere, größere Schädigungen, bis zum vollständigen Knorpelabrieb nach sich ziehen.

Am 16.10.2019 erfolgte dann die Arthroskopie: Freie Knorpelstückchen und soweit notwendig der Meniskus wurden entferntentfernt. Der laut MRT „kleine Lappeneinriss im Hinterhorn“ war laut Operateur ein doch zwei Zentimeter großer Lappenriss gewesen.

Die zwei geplanten 48 Std.-Läufe im zweiten Halbjahr sagte ich natürlich ab.

Circa zwei Wochen dauert es, bis der Körper die Kochsalzlösung im operierten Knie abgebaut und die original Gelenkflüssigkeit, die den Knorpel ernährt, wieder aufgebaut ist.

Bis dahin waren „nur“ tägliche Lymphdrainage (eine Woche lang), Stoßwellentherapie und sanfte Übungen angesagt. Nach sechzehn Tagen, am 01.11.2019, nahm ich das moderate Training wieder auf. Bis zur ersten Dezemberwoche konnte der lange Lauf der Woche bereits wieder auf 40 km erweitert werden. Dann wieder drei Wochen regeneratives Training mit viel Muskel- und Gelenkpflege in Form von Massageanwendungen.

Der Organisator des SUN 110 Christian Stolowitz, versicherte mir, dass das Zeitlimit von 20 Stunden in meiner Situation nicht gilt und ich so laufen sollte, wie das Knie es zulässt und ich jederzeit aufhören kann, wenn die Gesundheit/Kondition es nicht mehr zulässt. Er würde mich auf Handyanruf jederzeit „bergen“. Also alles im Einklang mit den persönlichen Rahmenbedingungen.

Vierzehn von achtzehn angemeldeten Läufern starteten am Sonnwendsamstag um fünf Uhr in der Früh in Eisenstadt.

Das Wetter war wärmer als erwartet, ein „Jungspund“ lief sogar in kurzer Hose.

Das Feld war bald aus meinem Blickfeld entschwunden. Ich lief oder besser gesagt trottete einsam durch die Nacht.

Zum Morgen hin erreichte ich nach St. Margerethen den Neusiedlersee. Hier eröffnete sich ein weites Morgendämmerungspanorama der ganzen pannonischen Ebene über den See hinaus in Richtung Ungarn. Wunderbar anzuschauen.

Am Grenzübergang nach Ungarn bei Mörbisch, die erste Labestelle. Nicht nur die Thermoskanne wurde aufgefüllt, sondern ich konnte auch einen kurzen Plausch mit den netten, gut gelaunten Supportern führen. Gefühlt waren die restlichen Läufer Stunden voraus. Tatsächlich betrug der Abstand zum letzten Läufer doch nur zehn Minuten. Ich trieb also das Feld nur mit relativ geringem Rückstand vor mir her

Die nächsten Stunden in Ungarn waren geprägt von Hundegebell in den Dörfern und einem Auf und Ab durch Weinberge. Insgesamt noch sehr abwechslungsreich. Allerdings wusste ich ja von der Burgenland Extrem Tour 2018, dass die langen Geraden erst vor der Grenze und dann wieder im Verlauf über Apetlon, Illmitz und Podersdorf kommen.

Inzwischen hatte es zu regnen begonnen. Das störte anfangs nicht. Es wurde dann erst später, mit fallenden Temperaturen und zunehmenden Wind in der Nacht lästig. Sehr bald lief ich wieder in der Dunkelheit. Das war dann schon interessant bis herausfordernd. Stundenlang nur der Lichtkegel der Stirnlampe, der Regen und sonst nichts. Der Ultralauf als Lektion mit sich selber auszukommen.

Ist unsereins ja das restliche Jahr permanent irgendwelchen Reizen ausgesetzt, ist das Laufen um den Neusiedlersee zu dieser Jahreszeit genau das Gegenteil. Das Fehlen von äußerlichen Reizen. Wem das nicht gefällt, ist hier fehl am Platz und wird es als öde und langweilig empfinden.

Für alle anderen bietet sich die Chance, die wirklichen Dinge des Lebens zu reflektieren oder/und seinen Geist auf Wanderschaft zu schicken.

Für mich war dann gegen 21 Uhr Schluss. Meine Widerstandsfähigkeit war durch das wenige Training in den letzten Monaten noch nicht aufgebaut. Mein Laufstil noch „unrund“. Faszinierend war, dass das rechte operierte Knie keinerlei Probleme machte. Der kompensatorische Laufstil sorgte aber für Schmerzen und Krämpfe in diversen anderen Bereichen, so dass ich beschloss, kurz vor Neusiedl mit 90 Kilometern in den Beinen den Lauf zu beenden, bevor irgendwelche ernsthaften Schäden entstehen würden.

Die guten Helfer an der Labe in Neusiedl fuhren mich zum Zielort der historischen Kellergasse in Purbach. In einem urigen Weinkeller bestand Christian darauf, mir die Finishermedaille umzuhängen. Er war der Meinung, ich hätte mir die, unter diesen Umständen, absolut verdient.

Der SUN 110 hat einen ganz eigenen Charme. Eine kleine Veranstaltung mit familiärem Charakter in einer fantastischen Landschaft. Das nächste Mal findet der Lauf wieder in fünf Jahren statt, wenn die Wintersonnwende wieder auf einen Samstag fällt.

Für mich persönlich ist es ein DNF, dass sich nicht als ein DNF anfühlt. Ich freue mich über gelaufene 90 Kilometer. Das operierte Knie hat seine „Feuerprobe“ bestanden und ich kann jetzt weiter an der Normalisierung meines Laufstiles arbeiten.

Vorsorglich hatte ich mich auch für die große „Traditionsveranstaltung „Burgenland Extrem Tour“ Ende Januar angemeldet. So war dies quasi jetzt der letzte lange Lauf vor der nächsten Seeumrundung mit 120 km. Fünf Wochen sollten ausreichen, die Muskeln und Gelenke zu pflegen und gut ausgeruht in den ersten Ultra des neuen Jahres zu gehen.

SUN2

Abschließend kann ich natürlich vor so kurzen Läufen, wie dem lokalen Landkreislauf nur warnen. Vielleicht sollte man den kurzen, schnellen Läufen so einen Warnhinweis verpassen: „Kurzes, schnelles Laufen v.a. bergab gefährdet Ihre Gesundheit!

Bilder vom geschwollenen Kniegelenk und Aufnahmen von zerstörtem Meniskus kann ich hierfür gerne zu Verfügung stellen.

Text: Oliver Rupprecht, Bilder mit freundlicher Genehmigung von Thomas Zsulits, 13.01.2020

 

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