Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Von der Wahner Heide zum Traildorado oder besser gesagt: vom Jubiläumslauf zum 24h- Trail-Lauf.

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Wenn der eigene Laufclub 10-jähriges Bestehen feiert, wollte ich dabei sein. Unbedingt!!!! Und da war mir kein Weg zu weit!!!! Mein Laufwochenende begann mit dem Marathon der Baustellen auf den bundesdeutschen Autobahnen und insgesamt 1261 km gefahrenen Kilometern an einem Wochenende. Diese km sollten meiner Freude, dabei gewesen zu sein, keinen Abbruch tun.

td1Das Startgeld für Traildorado in Arnsberg hatte ich geschenkt bekommen und so war ich da bereits angemeldet, bevor ich von dem Jubiläumslauf wusste. Doch wie sollte man dies kombinieren? Ich fuhr am Freitag zur Unterkunft in Arnsberg, um dann am Samstagmorgen nach Troisdorf zum Jubiläumslauf aufzubrechen. Dort angekommen, empfingen mich strahlende Gesichter und ganz liebe Lauffreunde. In meinem tiefsten Inneren hoffte ich Tipps bekommen zu können für mein Wagnis des Trails. Also habe ich erfahrene Leutchen gelöchert und bereitwillig haben sie mir Tipps rausgerückt: Anke Libuda, Claudia Lederer und alle, die ich gerade zur Hand hatte, verschönerten meine selbst gebastelte Startnummer mit Autogrammen. Ich freute mich, alle wieder zu sehen und so richtig tolle Lauffreunde, die doch so unglaublich mehr und viel schneller laufen können als ich: Spartathlon oder 200 km in 24h und dennoch: Keine Spur von Arroganz, kein Argwohn, kein Neid. Nee, man war beisammen und freute sich, dass da 'ne Runde ist, die man gemeinsam laufen kann. Richtig toll und nach einer halben Stunde, habe ich meine Runde als Gastläuferin beendet. Somit durfte Michael die erste Urkunde an mich ausstellen, denn ich düste nach 2 h wieder ab. Ich fuhr zum Traildorado, dem 24h-Lauf, der bereits um 12 Uhr begonnen hatte und fing 2 h später an. Alle haben in Troisdorf in mein Beutelchen vom LG Ultralauf Wertvolles gepackt, damit ich gut in mein Abenteuer starten konnte. Der gelbe Laufbeutel bekommt einen Ehrenplatz, denn der hat mir Glück gebracht. Darin war die Wegzehrung (Apfel, Müsliriegel) drin, die tolle Startnummer und eine Urkunde, wo drauf stand, det ick Höhenmeter bewältigt hatte. Urkundlich verbrieft, … da stand sie nun, die Zahl: 58 Höhenmeter hatte ich auf der Runde zurückgelegt und war nicht mal die Letzte. Nicht nur, dass ich aus einem Bundesland komme, dessen höchster „Berg“ 100 m misst und wo schon bei einer Erhebung von mehr als 10 m einem Flachlandtiroler die Puste ausgeht. Also nix mit: „Berge in die Wiege gelegt bekommen“ und 'ne Bergziege werde ick wohl nie werden. Aaaaaaaaaaaber es gibt doch so schöne Landschaftsläufe, wenn nur nicht diese Anstiege wären, wo ich zu Schulzeiten bei den Wandertagen immer als Letzte ankam. Die Ausblicke im Schwarzwald waren toll. Auch die Burgen im Elsaß – super! Nur dieses dumme Gefühl, det man sich quälen muss, um dann der letzte Trottel zu sein, der völlig am Ende ankommt – na ja, det Jefühl war nicht schön und immer noch da. Doch wie will man sowas in Brandenburg trainieren? Uff SandHÜGELN!!!! 70 Höhenmeter sind schon echt viel, die sich auch noch strecken. In meiner tiefen Trainingsverzweiflung bin ich in die Turnhalle gegangen und habe auf einem Turnbalken 100 mal versucht, auf dem Ding zu loofen. Die Blicke waren vielsagend und die Frage war: „Wie heißt diese Turnübung?“ Die Eleganz, mit der ich diesen Turnbalken bestiegen habe, glich ungefähr dem eines Elefanten, der versucht, einen Baum zu erklimmen. Von Grazie keine Spur! Wie denn auch? Dieses hölzerne Dingsbums hat eine Höhe von 1,20 m über dem Boden, 5m Länge und 10 cm Breite. Genau! Diese Kombination ist doch für Läufer eine Qual und dann noch ohne die Laufschuhe, aber ich wollte doch zu Traildorado, zu dieser „Meisterschaft“ und was tut ein Läufer nicht alles, um die Strecke zu schaffen? Ich habe fleißig 100-mal Drehungen, Standwaagen auf dem Balken geübt und dabei auch öfter mal die Härte des Hallenbodens überprüft. Turnerisch war das alles andere als perfekt. Aber was soll’s: Ich komme von der Laufabteilung und von den Ultras - die sind ja nun mal bekannt für etwas „unorthodoxe“ Strecken und det wir etwas „anders“ sind. Wir haben Stil, aber nicht die tänzerische Eleganz, dennoch wollte ich nicht auf der Laufstrecke aussehe wie ein Trampeltier auf Tour. So hatten alle die ersten 2 h schon mal kein Verkehrshindernis auf der Strecke, denn an Schnelligkeit bergaufwärts ist bei mir nicht zu denken!

 

Die Sachsen haben die Sächsische Schweiz, die Bayern die Alpen, die Schwaben die Alb und ick hatte den Ravensberg von Potsdam oder die Schuttberje von Berlin (Trümmerhaufen aus dem letzten Weltkrieg). Ihr könnt Euch also jetzt vorstellen, wie mein Training aussah??? Ich fing an, erfinderisch zu sein: einbeinige Kniebeugen auf einem Luft-Sitzkissen, Sandhügel ruff und runter – det is ja besser als nüscht und denn hab ick mir mal die Bücher von Michel Ufer rinjepfiffen, weil da stand wat von „Mentaltraining für Läufer“. Die hochgeistige trainingswissenschaftliche Literatur der Sportwissenschaftler erfordert manchmal optimale Umgebungsbedingungen, die ick nicht hatte, mal abgesehen von einem Körper, der für det Loofen zu „stämmig“ ist, wie mir det der Orthopäde mal erklärt hat. Dünner werd ick aba nich ohne zu hungern. Sportprofis denken wohl manchmal landläufig: „Da muss man zum Trainingslager!“ Dummerweise gibt es noch so ein Leben neben dem Laufen, das man meistern muss – die Kiste nennt sich „ALLTAG“ und eine Orchideensportart wie das Ultralaufen bringt einem nicht die Kohle ein, um sich super optimale Bedingungen heranzuzaubern. Wer kennt sie nicht diese Schwierigkeiten?

Den Traum von einem bestimmten Lauf haben wir alle. Dann fangen wir an zu basteln und zu hoffen, dass wir unser Ziel erreichen – dafür leiden wir allesamt in den Wettkämpfen so schön zusammen, wie das kaum eine andere Sportart zu bieten hat – nämlich KOLLEGIAL! Wir kämpfen nicht gegeneinander, sondern füreinander, damit alle det persönliche Ziel erreichen können.

Also fuhr ich in der Wahner Heide los: Reich beschenkt mit tollen Eindrücken. Ist doch die Heide sozusagen Michaels Trainingsgebiet, das ich gesehen habe. 'Ne Urkunde, 'ne Medaille, die klasse Startnummer, Wegzehrung, tolle Tipps, super Wetter – viel Neues kennengelernt, alle wiedergesehen und mein Herz war voller Freude. Was sollte da noch schief gehen? Um 14 Uhr stand ich an der Startlinie und zuckelte los. Erst mal die Strecke kennenlernen. Etwas Bammel hatte ich ja schon. Die offizielle Einweisung verpasst, aber der Veranstalter wusste Bescheid und mein Hirn sagte nur: „Det sind Ultras. Die helfen Dir.“ Entourage in Form von begleitenden Personen hatte ich nicht, auch nicht Trailschuhe oder Stöcke. Die Meisten lesen gerne die Zahlen, die ick so erreiche, aber 24 h mitzuleiden? Nee, da ist det eigene Bettchen schöner und am WE hat man meistens Besseres vor. Ooch det kennen wir doch alle irjendwie! Man muss Leute bequatschen, det sie sich für uns überhaupt interessieren.

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Ich machte mich los und siehe da – innerhalb der ersten 2 km hatte ich alle Infos, die ich brauchte. Ist so etwas nicht wunderbar? Die Herzensbotschaft kam an: „Freunde, ick hab keenen Plan wie ick det hier schaffen soll.“ Ultras können so schöööööööööööön basteln und diese Blicke: „Na klar, das schaffst du!“ Ich hatte in der ersten Runde gar nicht die Zeit, die Anstiege fürchterlich zu finden, weil ich vollauf damit beschäftigt war, mir die Strecke zu merken, die Infos einzusammeln und siehe da!!! Da war die erste Runde auch schon fertig. Ich hatte mir 3 Zielzahlen vorgenommen: 11 Runden wären det, wat ick da wollte (45km)! 13 Runden wären super prima! 15 Runden 'nen richtjer Traum. Von dem ich eigentlich nicht zu träumen wagte, weil jede Runde von 4,1km 130 Höhenmeter beinhaltete, denn das wäre das Doppelte von dem an Höhenmetern, was ich überhaupt trainieren konnte.

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Das Läuferbuffet war mit viel Herz gemacht und die „Romantik“ kam abends zum Vorschein: ein Himmel mit Sternen, das Lagerfeuer am Verpflegungspunkt und Michel Ufer, der seines Zeichens als Psychologe sein Bestes gab, um alle zu motivieren. Keene Sorje – det is een Ultra, der quatscht einem nicht mit det übliche Psychoklempnerjesülze an die Ohren ran. Ultras sind schon een sehr direktes Völkchen und vor 17 Uhr kam eine große Pause gar nicht erst in Frage, zumal meine lieben Lauffreunde in der Wahner Heide schon längst schwitzten, nämlich beim 50 km Jubiläumslauf. Für mich war es in gewisser Weise ein Rendezvous mit meinen Grenzen, Ängsten und Erinnerungen. Ein Flirt mit dem, was ich kann und könnte, um diese Grenzen zu überwinden und um die blöden Erinnerungen zu repositionieren. Leicht war dieser Lauf sicherlich nicht, denn jeder Ultralauf hat so seine kleinen und großen Schwierigkeiten, die man alle bewältigen muss. Nach 11 Runden war ich jedenfalls glücklich – ich hatte „mein Ziel“ erreicht. Sagt doch Michel zu mir: „Und was ist Dein nächstes Ziel?“ Ich: „Pennen, Genießen, Ufftanken. Und war hier nicht die Rede von Party?“

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Ich machte Pause, denn noch nie in meinem Leben hatte ich für diese Höhenmeter so geschwitzt, noch nie habe ich so viele Untiefen von Zweifeln und Verzweiflung druchleiden müssen. Vor allem der stets präsente und beharrlich nagende Zweifel (Kopfkino Ahoiii!!!), ob die Zeit reicht oder nicht. Neurotraining hin oder her, ich hatte Sprünge (Changements) auf dem Baumstamm geübt, aber Traildorado war eene janz andere Liga. Uff jeden Fall wollte ick die 11 Runden. Dann aber die Erlösung! Ich konnte es nicht fassen: Flachlandtirolerin hatte den Ultra mit 1430 Höhenmetern geschafft!!!! Ich gönnte mir eine Pause und schnabulierte mich einmal quer durchs Buffet. Det hatte ick mir redlich verdient. Und plötzlich sagte mir mein Kopf: „Na, da geht doch noch was!“ Nach 3 h Pause, machte ich mich wieder auf den Weg, um dann morgens ganz begeistert festzustellen, dass ich sogar nachts gelaufen war! Jawohl – Icke -Ploch! Berg hoch und det im Dunkeln – ohne Straßenbeleuchtung!!! Mit meinem Rucksack und der Stirnlampe bin ick uff die Strecke, wo ick doch die Risiken immer versuche zu bedenken. Ich überwand die Ängste, die Zweifel. Immer wenn Kopfkino als Meldung brachte: „Holla! Gefahr in Verzug.“ Da sagte mein Innerstes: „Du hast eine Urkunde bekommen, da steht druff, dass Du Höhenmeter kannst. Und jetze bewegste die Füße vorwärts, kiekst nicht ständig in den Abgrund und beschäftigst dich nur noch damit, die Gräten elegant (wie uff‘m Balken) manierlich in der Landschaft zu sortieren.“

td5Na klar, war det an manchen Punkten verdammt schwer für mich. Schnell ging nicht, ungeübt bin ick in den Bergen, aber ick war doch ausgestattet mit feinen Tipps. Egal wie sehr ich auch versuchte, die Berge zu trainieren, es ist anders, wenn man vom Flachland kommt und 1 h vor Schluss hatte ich gefinisht. Ich hatte 16 Runden – jawohl – unglaubliche 16 Runden geschafft!!!!! Dies entspricht 65 km und 2080 Höhenmeter Aufstieg, … die Abstiege darf man nicht vergessen. Dankbar und froh über all die hilfreichen Tipps, die funktioniert hatten, fuhr ich am gleichen Tag nach Hause. Müde und sehr glücklich. Keinen einzigen Kilometer bereue ich – weder gefahren, noch gegangen, noch gelaufen zu sein. Ganz im Gegenteil: Diese Tour würde ich jederzeit wieder machen – genau so und nicht anders! Einen Wermutstropfen gab es für mich allerdings doch noch: Es gab bei Traildorado keine Erinnerungsplakette und die Urkunde musste man sich selbst im Internet runterladen und ausdrucken. Ich weiß: Ich bin altmodisch, aber dafür habe ich von Traildorado ein T-Shirt mitgenommen, mein Trauma überwunden und ganz wunderbare Erinnerungen an ein bewegtes Wochenende in meinem Lebensrucksack.

Ich wünsche Euch allen, dass es auch Euch gelingt, Euren Lebensrucksack mit wunderschönen Erinnerungen zu füllen. Habt weiterhin viel Spaß beim Laufen!!!!

Text und Bilder: Elisabeth Ploch, 1 Bild von Manfred Nowottny, 18.10.2018

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