Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

WfL LogoTexte und Bilder: Teilnehmer, Logo vom Veranstalter bereitgestellt, 04.05.2020

Über 77.000 Läuferinnen und Läufer aus über 100 Ländern nahmen dieses Jahr an diesem globalen Event teil, das Corona-bedingt ausschließlich per Handy-App gesteuert wurde. Im Prinzip funktioniert das so, dass alle Starter nach einem Countdown auf einen Startbutton klicken und dann auf einer selbst gewählten Strecke loslaufen. Per GPS wird die gelaufene Strecke gemessen und auf einen Server übertragen, der aus der Gesamtheit der Daten eine virtuelle Rangliste berechnet und online zum Mitverfolgen bereitstellt.

Das Ende ist allerdings nicht nach einer gewissen Distanz oder Zeit erreicht, sondern es ist ein „Lauf gegen ein Auto“, welches 30 Minuten nach dem Läuferstart die Verfolgung aufnimmt.

Für einen Halbmarathon hat man etwa 1:54 Stunden Zeit und für einen Marathon 3:06 Stunden. Je schneller man läuft, desto später wird man überholt. Der Gewinner, Michael Taylor, ist 69,9 km gelaufen, wozu ein Tempo von 3:36 min pro km erforderlich war. Hammer!

Jens Kruse aus Kiel hatte die Idee, ein LG Ultralauf-Team an dieser Veranstaltung anzumelden, denn diese Dezentralisierung, dass jeder für sich läuft und dennoch Teil einer Mannschaft ist, passt doch super zu unserer Vereinskultur. Und, dass die Erlöse auch noch für die Forschung zur Querschnittslähmung genutzt werden, motiviert noch mehr zum Mitmachen.

Urkunde2

Insgesamt bestand unser Team aus 10 Läufern. Zu unseren Vereinskollegen gesellte sich Jörg Heiner aus Wenden dazu, den wir in Kandel näher kennenlernten. Von den knapp 4000 Teams belegten wir den sehr guten 224. Platz und hatten eine der besten Werte für die durchschnittliche Weite überhaupt. Tolles Teamergebnis!

  1. Heiner, Jörg (GER), 45,79 km
  2. Meissner, Karsten (GER), 38,96 km
  3. Oeppert, Ulf (GER), 37,00 km
  4. Gonschorek, Sebastian (GER), 30,43 km
  5. Kirsch, Georg (GER), 29,34 km
  6. Gottschalk, Katrin (GER), 28,92 km
  7. Kruse, Jens (GER), 28,09 km
  8. Irrgang, Michael (GER), 24,68 km
  9. Bomm, Michael (GER), 22,99 km
  10. Kolter, Mechthild (GER), 19,35 km

 

Anmerkung: Ulfs Leistung wurde zunächst aufgrund technischer Probleme nicht gemessen, aber später nachgetragen.

Fast alle haben zu ihrem Rennen einen kurzen Bericht geschrieben und mit einem Foto angereichert.

Joerg

Jörg Heiner

Das war alles recht spontan. Einen Tag vorher angemeldet und den Kurs kurz getestet ! Schön, dass mich Michael motiviert hat, als Gastläufer mitzumachen. Alles in allem eine schönes Training und mit 45,79 km und Pl. 10 in der M45 bin ich auch zufrieden !

Bis bald und ganz liebe Grüße Jörg 

Karsten

Karsten Meissner

Gehört und gelesen habe ich natürlich schon häufiger vom WingsforLife Wolrdrun, teilgenommen habe ich bisher jedoch noch nie. Meist, weil taggleich andere Wettbewerbe wie z.B. der Windhagen Marathon gesetzt waren. Dieses Jahr ist bekanntlich alles anders, so dass ich mich an dem spannenden Format versuchen konnte. Alles in allem schon eine verrückte Sache. Einer von über 60.000 Menschen, die zeitgleich vorm Catcher Car fliehen, aber trotzdem rennst du quasi für dich allein. Ich persönlich war auf einem 5 Kilometer Rundkurs an der schönen Sieg unterwegs. Für meinen Geschmack etwas asphaltlastig, aber nun gut. Die ersten 10 km habe ich aus Trainingsgründen bewusst als Tempolauf in SUB 40 gemacht, danach bin ich quasi schnellstmöglich ausgelaufen. Gerade hinten raus hat sich der schnelle Zehner schon schwer bemerkbar gemacht. Für einen Marathon hat es daher leider nicht mehr gereicht. Mit den knapp 39 km in etwas unter 3 Stunden bin ich aber total zufrieden und ich muss sagen, es hat wirklich Spaß gemacht mit dem Auto im Nacken.

Sebastian

Sebastian Gonschorek

Mein Ziel war es, das Steinhuder Meer zu umrunden, bevor mich das Catcher Car einholt. Bei 30km für eine Umrundung durfte ich nicht bummeln und somit bin ich recht konstant zwischen 4:40 und 4:50 gelaufen. Dies hat gereicht, so dass ich nach 30.4km entspannt auf einer Bank auf das Auto gewartet habe, das schon 400m hinter mir war.

Georg

Georg Kirsch

Alle schlechten Dinge sind 3

Nach einigen Startschwierigkeiten mit der App schaffe ich es loszukommen. Auch beim „Flagship Run" verliert man anfangs wertvolle Zeit und Meter. Mir gefällt das Format sehr, denn eigentlich gibt es nur eine Taktik - Vollgas und hinten raus: Allout. Nachdem die vergangenen Teilnahmen entweder durch Wärme oder Nasskälte bestimmt waren, bringt diesmal der Wind eine Vorentscheidung. Ich habe mir einen rund 3km langen Rundkurs ausgesucht, den ich versuchen werde, so oft wie möglich zu laufen. Allerdings ist die Runde alles andere als Bestzeiten tauglich. Es geht eigentlich dauerhaft leicht hügelauf oder hügelab, dazu ein paar kurze Rampen hoch und wieder runter. Sie ist sehr windanfällig und zum großen Teil geschottert. Der Lauf wird dadurch zu einem Intervalltraining (was mir durch den Blick auf die KM-Zeiten später auch bestätigt wird). Gegenwind bergan geht es kaum vorwärts, da komme ich der 6-Minuten-Marke sehr nahe, die Seitenwindpassage nutze ich zum Krafttanken, bei Rückenwind bin ich hügelhoch und -runter mit fast 4 Minuten pro Km unterwegs. Das halten meine schlechten "Corona-Trainings-Beine" nicht lange durch. Nach 10km und 46min muss ich mir eingestehen, dass heute keine gute Leistung rumkommen wird und ich auch bei meiner dritten Teilnahme es nicht schaffe, die Marathon-Marke zu knacken. Nach 15km sind überhaupt keine Körner mehr in den Beinen und ich schaffe es nicht im Ansatz, über die Hügel anständig zu drücken. Auch hügelab kann ich es nicht rollen lassen. Nach knapp 19km beschließe ich etwas zu trinken und zu gehen - danach steigen die KM-Schnitte weiter deutlich an. Ich erfreue mich am duftenden Raps und hoffe auf ein Zeichen des Catcher-Cars. Gegenwind hügelauf gehe ich ein zweites Mal. Mal läuft es und mal eben nicht. Nach 29 relativ frustrierenden Kilometern ertönt endlich das erlösende Signal. Dann auf ein Neues im kommenden Jahr - hoffentlich wieder bei einem Flagship Run. Das gemeinsame Laufen macht doch mehr Spaß.

Katrin 

Katrin Gottschalk

Wings for Life World Run in Hong Kong

Mangels Alternativen für einen Nachtlauf hatte ich mir den Happy Valley Racecourse mitten in Hong Kong als Location rausgesucht. Auf der 1.3 km-Asphaltrunde, die auf der Innenseite der Pferderennbahn verläuft, trainieren zu jeder Tages- und Nachtzeit Hunderte an Läufern. GPS-Genauigkeit ist so eine Sache, wenn man umgeben von Wolkenkratzern in einem Talkessel im Kreis läuft… Aber für einen flotten Trainingslauf sollte es gut genug sein. Große Ambitionen hatte ich keine, zumal die Hitze und Schwüle in den letzten Tagen fast unerträglich waren. 28 Grad (gefühlt 31 Grad) hatte es beim Start um 19 Uhr, und um 22 Uhr sollten es immer noch 26 Grad (gefühlt 29 Grad) sein, bei 82% Luftfeuchtigkeit. Zum Sport reduziert man die Kleidung auf das absolut Notwendigste, trotzdem klebt nach 15 Minuten alles am Körper. Und man muss natürlich viel trinken. Ich wollte im 4:40er-Tempo anlaufen. Das tat ich auch (laut Garmin), war aber etwas irritiert, dass die App nur 4:55er-Tempo suggerierte. Die ersten 20 km verbrachte ich also mit Kopfrechnen, um die Differenz zu analysieren und herauszufinden, wie lange ich denn laut App unterwegs sein würde. Ich lief durchweg konstantes Tempo, nach zwei Stunden im Kreis laufen in der Sauna hatten jedoch sowohl Körper als auch Kopf immer weniger Lust. Die einzige Aufmunterung boten die beiden Asiaten, die im Uhrzeigersinn für Wings for Life unterwegs waren (wir drei anderen liefen die Runde gegen den Uhrzeigersinn) – man nickte sich kurz zu, wenn man aneinander vorbei lief. Nach einem Toilettenstopp bei km 27 war das Catcher Car dann auch nicht mehr weit und bereitete dem Leiden das ersehnte Ende. 30,35 km laut Garmin und 28,9 km laut App, aber ich war platt wie nach einem Marathon – die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Jens 

Jens Kruse

„Laufen für die, die nicht selber laufen können“ hat für mich ja eine besondere Bedeutung. Umso mehr habe ich mich über die zahlreiche Teilnahme der LG Ultralauf gefreut. Da ich seit Februar keinen richtigen Wettkampf mehr gelaufen bin, war ich in den letzten Wochen in Vorbereitung auf den WFL auch wieder etwas motivierter, als im März, als eine Wettkampfabsage bzw. -verschiebung nach der anderen eintrudelte.

Ich konnte den Lauf sehr gleichmäßig laufen und das Wetter passte auch. Lediglich nach km 24 und den ersten zwei Stunden ließ ein Sandweg und heftiger Gegenwind meine Durchschnittszeit etwas sinken. Und da mein letzter wirklich langer Tempolauf nun auch schon einige Wochen her war, hatte ich nichts mehr zuzusetzen.

Mit meiner Leistung von 28 km bin ich sehr zufrieden, immerhin 3 km über dem Wunschziel.

Vielleicht besteht ja nächstes Jahr die Chance, an einem Lauf irgendwo vor Ort teilzunehmen und den einen oder anderen von uns persönlich zu treffen ...

Mic1

Mic2Michael Irrgang

Im Vorfeld hatte ich leichte Motivationsprobleme. Einen Halbmarathon hatte ich mir zugetraut, hatte aber überhaupt keine Lust auf einen schnellen Lauf. Aber je näher der Start kam, desto mehr konnte ich mich mit der Idee anfreunden. Das Wetter war super und meine Runde war etwa 2,2km lang und gut zu laufen. Die ersten 5 km bin ich wie geplant gelaufen, dann haben meine Beine zu meiner eigenen Überraschung beschleunigt. Später konnte meine Uhr 5 neue Rekorde vermelden, darunter eine neue 10km-Bestzeit von 50:17 min. Ich hätte nie gedacht, dass ich noch so schnell laufen kann, aber irgendwie war ich doch gefangen in der virtuellen Wettkampfatmosphäre und habe mich echt angestrengt. Am Ende wurden es 24,68 km, was einem für mich vorher unvorstellbaren Tempo von 5:10 Minuten pro km entspricht.

Mein Resümee: Wenn ich Spaß an so etwas hätte, wäre ich kein Ultraläufer geworden, aber ab und zu kann man so etwas ruhig machen.

 

Mechthild

Mechthild Kolter 

Als ich den LGU-Newsletter Anfang April bekommen habe, war eigentlich klar: Das Format des Wings for Life Worldrun klingt super und da werde ich mitmachen. So habe ich dann am Sonntag gegen 13:00 Uhr die App gestartet und meine Lieblingsrunde über 20,5km gewählt - ich hatte etwas mehr als 20km geplant. Morgens während der Woche sind diese Wege sehr idyllisch und werden kaum von anderen Leuten frequentiert. Schnell habe ich gemerkt, dass am Sonntagmittag bei Sonnenschein viele Menschen diese Feld- und Waldwege lieben (Radfahrer, Fußgänger und Hundebesitzer in Gruppen sowie Familien) und jeder der Meinung ist, dass diese Wege ihm alleine gehören. Daher habe ich dann nach 9km meine normale Runde verlassen und bin auf Fußwegen direkt an der Straße gelaufen. Das war nicht wirklich zielführend. Das Laufformat finde ich immer noch klasse - aber vielleicht zu einer anderen Uhrzeit oder einem anderen Wochentag.

Ulf

Ulf Oeppert

Eieiei, so viel Vorfreude und gefühlt gute Form, bester Familien-support, tolles Wetter und egtl. auch die Technik im Griff - zwei Testläufe die Woche problemlos... Countdown lief, alle Häkchen auf Grün, "Start" gedrückt und los (habe mich spontan doch für einen Ausflug in Flur& Wald entschiedn zuerst, da ich noch oft genug um den Block laufen würde). Strava gleich nach dem Loslaufen auch Aufzeichnung gestartet und guter Dinge sehr zügig los - um die 4:00/K Nach 3 Km rief meine Frau an, daß die live-website mich nicht laufen anzeigt...bin erstmal unbeeindruckt weiter, habe dabei versucht die App&Aufzeichnung wieder zu starten, es hieß was von GPS schwach... Dachte, naja, wenigsten läuft Strava mit und evtl. wird's ja noch. Bin die 10k in genau 40' durch mit sehr guten Beinen...als mir dämmerte, daß selbst ein später Start der Aufzeichnung den rausgelaufenen Vorsprung vor dem Besenwagen nicht mehr registrieren kann. Das hat dann schon die Top-Motivation geraubt, zeitgleich schien es eh sinnvoll, Tempo rauszunehmen. Bin dann durch unseren Ortsteil rel. kreuz-und quer gerannt, dabei immer wieder am belebten Skaterplatz vorbei und auch Tennisspieler gesehen (privater Platz ;)). Ab ca. 25K habe ich von Weitem den (mir unbekannten) Strava Kollegen gesehen, den ich zum Mitlaufen angeregt hatte und bin bewusst zu ihm aufgeschlossen um Kontakt zu knüpfen (damit deutlich verlangsamend was mir aber passte) - habe ihn ca. 20Min zu 'ner neuer HM Bestzeit "gezogen" und danach wieder alleine weiter. Von der Familie kamen dann ca. alle 5 Min. Zwischenstände, wo das Auto jetzt wäre, so daß ich abschätzen konnte, wann ich eingeholt wurde und die Strava-session beendet habe. Ca. 37K in 2:50 mit 13' Stillstand v.a. als ich und meine Tochter versucht haben, die App Aufzeichnung doch noch zu retten... Naja, somit sind heute die Beine wenigstens nicht maximal schwer und ich werde meine LGU Feuertaufe hoffentlich noch heuer bei einem gemeinsamen Rennen bestreiten. Mit dem WfLife Run habe ich jedenfalls noch 'ne Rechnung offen, aber schon allein das "Kribbeln" und die Fokussierung in der Vorwoche waren ne schöne Abwechslung und der Lauf liefert reichlich Grund, die Tage ordentlich lecker Kalorien zu futtern, zumal am Sonntag der nächste "Corona-Zeit" Geburtstag bei uns ansteht. An Alle Mitstreiter gestern bitte mein fettes Kompliment - bin gespannt auf die Kurzberichte! Bleibt's gesund und guter Dinge!

Text und die meisten Bilder: Edda Bauer, weitere Bilder wurden vom Organisator zur Verfügung gestellt Joannis Chortis, 22.04.2020

B01 Akropolis

Akropolis

Zweitausend Kilometer laufen? 20 x 100 km oder ca. 47 ½ Marathonläufe hintereinander? Auf einer den Gerüchten zufolge 1 km Hin-/Rückrunde der trostlosesten Art, wie sie sich der Phantasiebegabteste nicht ausdenken könnte? Und fröstelnd in kalten ungemütlich hohen Räumen auf hartem Boden um ein Mindestmaß an Schlaf ringen? Womöglich mit schnarchenden und stöhnenden Nachbarn? Einem entsprechenden Orakel für mich hätte ich bis Mitte 2019 keinen Funken Wahrheitsgehalt geschenkt. Doch dann berichtete mir Jaroslav aus Tschechien beim gemeinsamen Laufen am Balaton, dass er sich für einen ebensolchen Lauf in Athen angemeldet hat. Außer meiner Bewunderung für Jaro regte sich zunächst nichts in mir.

Erst ein paar Wochen später fing ich an, die Vorstellung in meinem Herzen zu bewegen. Und eines Abends, nach einem badischen Viertele, schickte ich die Mailanfrage an die Organisatoren: Kann ich mit Split-Zeitnahme nach 1000 km und 1000 Meilen (in diesen Disziplinen witterte ich AK-Weltrekorde) rechnen? Sei gebongt, so die postwendende Antwort. Da musste ich flugs den Ricardo aus Spanien anspitzen, den ich ebenfalls vom 6-Tage-Traditionslauf am Balaton kannte. Er biss sofort an. So trafen wir uns am 1. Februar 2020 am Flughafen in Athen und nahmen gemeinsam den Bus zum Veranstaltungsgelände.

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Zum Ort des Geschehens gäbe es ganz viel zu berichten. In aller Kürze nur das: Bis 2001 befand sich hier der Flughafen Athen-Ellinikon mit recht dramatischer Geschichte von tödlichen Zwischenfällen (Flugzeugabstürze, Bombenangriffe). 2004 wurde ein Teil des Geländes für die Olympischen Spiele umgestaltet. Nach der Olympiade wurde alles dem Verfall preisgegeben. 2016 hausten vorübergehend bis zu 3.500 Flüchtlinge im ausgedienten Flughafengebäude und in den angrenzenden Sporthallen, bis diese es schafften, sich da hinaus zu streiken. Jetzt bietet sich ein unvorstellbarer und schwer zu ertragender Anblick der Verwahrlosung: Müllkippen, Bauruinen, Schmierereien, durchlöcherte Zäune, aufgeplatztes Pflaster, wilder Bewuchs.

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Als für uns 2.000 km-Läufer am 2. Februar 2020 um 15 Uhr der Startschuss fiel, waren die 5.000 km-Läufer schon seit 2 Wochen auf der Strecke. Die wenigen 1.000 km- und 1.000-Meilen-Läufer hatten entweder abgebrochen oder den Wettbewerb kurz vorher zum erfolgreichen Abschluss gebracht. Die Teilnehmer der Kategorien 24, 48, 72 und 144 Stunden waren schon abgereist. Nur die „extrem langen“ waren ab jetzt noch unter sich, nämlich 8 „Spinnerte“ (ich Norddeutsche liebe meine badische Wahlheimat) für die 5.000 km und 4 „Gemäßigte“ für die 2.000 km. Das weibliche Geschlecht war in beiden Gruppierungen nur je 1 x vertreten. Von den ursprünglich neun 5.000ern hatte einer nach 725 km bereits den Entschluss gefasst, sich anderen Freuden hinzugeben. Das insgesamt verbliebene Dutzend „Kämpfer“ war international bunt zusammengewürfelt: Jeweils einer aus den USA, Brasilien, Japan, Taiwan, Griechenland, Italien, Polen, Spanien, Tschechien, Deutschland, zwei aus Rumänien. Stark vertreten, die Rumänen – einer von ihnen ging am Schluss als klarer Sieger in der längsten Distanz hervor.

Und das ganze Dutzend zuzüglich mitgebrachter Betreuerinnen wuchs im Laufe der langen Zeit zu einer so wunderbaren Großfamilie zusammen (tja, Betreuerinnen, denn umgekehrt gibt’s das eher selten, dass nämlich ein männliches Wesen ein weibliches beim Laufen tatkräftig unterstützt, füttert, applaudiert, aufmuntert, lobt, bewundert, streichelt oder mit welchen Aktivitäten sonst noch zu stärken versucht)!

B04 KuchenIch kann mich nicht beklagen, denn auch ich profitierte von den Betreuerinnen, in wohl bescheidenerem Umfang, aber doch mit großer Dankbarkeit auf meiner Seite. Da wurde ich gefragt, ob ich etwas aus dem Supermarkt mitgebracht haben möchte, da dampfte mal ein leckerer Kräutertee auf meinem Tisch, lag mal eine Tafel Schokolade, ein Stück Kuchen mit deutschen Nationalfarben – oder sogar ein Blumenstrauß hellte eines Tages die Stimmung auf.

B05 Essen

Wir vier 2.000er nannten uns „vierblättriges Kleeblatt“ („four-leaf clover“) und waren guter Dinge, hatten alle mindestens einen Weltrekord im Hinterkopf. Nicht überaus schwierig, so dachten wir – denn in der aktuellen IAU-Weltbestleistungen-Liste fehlen in den anvisierten Disziplinen unsere „fortgeschrittenen“ Altersklassen bisher gänzlich. Ja, alt waren bzw. sind wir leider alle schon: 1 x M65, 1 x M70, 1 x M75, 1 x W75. Nach dem Schwinden von Spurtkraft/Schnelligkeit müssen wir uns wohl auf Ausdauer und mentale Stärke verlassen. Wir waren uns alle 4 nicht fremd – jeder kannte jeden von unterschiedlichen früheren Veranstaltungen.

Doch leider – zu meinem großen Bedauern – verließen mich die Männer einer nach dem anderen: Der erste nach gut 700 km wegen nicht bezwingbarer Rückenbeschwerden, der nächste nach 1.000 km (AK-WR!) wegen zu wenig schmerzfreier noch halbwegs intakter Resthautfetzen an den Füßen, der dritte und letzte nach 1.000 Meilen (AK-WR 1.000 km und 1.000 Meilen!) wegen der Aussichtslosigkeit, das Zeitlimit einzuhalten. Ein fünfter angemeldeter 2.000er war erst gar nicht gestartet.

Im Jahr 2017 war ich in Athen bei den „Dayrunners“ (Anmerkung zum Namen später) schon einmal angetreten. Es war der erste 6-Tage-Lauf in meiner spät begonnenen Läuferkarriere. Nie wieder, hatte ich mir danach geschworen. Der Wind pfiff, der Regen peitschte, die Strecke öde, Verpflegung draußen in der Kälte. Vor allem aber hatte ich mich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht so recht mit dem Rundendrehen angefreundet, ganz egal, wie interessant die Runde auch sein mochte. Etappenläufe und Trails waren meine Vorliebe: MDS Marokko und Peru, G2G, Bhutan, Kambodscha, Sri Lanka, durch die Namib und andere Abenteuer, teilweise mit kompletter Ausrüstung auf dem Rücken, das war’s doch! Leider wird das, zugegeben, mit den Jahren etwas beschwerlicher. Da kann man voller Dankbarkeit mit Hilfe der Rundenläufe das Couchzeitalter noch etwas hinauszögern.

B06 Stadion

Nun aber möchte ich alle Unkenrufer in Sachen Attraktivität dieser Veranstaltung zurückpfeifen. Hier die nach meiner Einschätzung entscheidenden Verbesserungen gegenüber den Vorjahren: 

  • Start/Ziel/Verpflegung nebst einer Runde von ca. 200 Metern befinden sich jetzt innerhalb einer großen Sportarena, geschützt vor jeder Wetterunbill. 
  • Jeder Läufer kann sich in der Mitte der Halle am Rande der Rennstrecke einen großzügigen Bereich einrichten mit allen benötigten persönlichen Utensilien, darf die Beine zwischendurch hochlegen, in Ruhe die Mahlzeiten genießen, der Musik aus den Hallenlautsprechern lauschen, die Ergebnisse verfolgen, ein Schwätzchen mit den Freud-/Leidgenossen halten, die Vorbeiächzenden anfeuern oder bedauern, je nach deren Erscheinungsbild. 
  • In einem großen Kühlschrank kann jeder ein eigenes Fach auffüllen mit seinen Lieblingsleckereien und -getränken. 
  • Mittags und abends wird eine gekochte Mahlzeit serviert (müsste freilich meistens noch mal aufgewärmt werden, wenn man sie nicht lauwarm oder gar kalt genießen möchte, wie ich das aus Bequemlichkeit allerdings tat). Viele Michelin-Sterne würden Gutachter freilich nicht für diese Mahlzeiten vergeben, aber im Hinblick auf den Anlass und die Umstände waren sie rundum lobenswert. 
  • Ein paar Herdplatten und Kochtöpfe stehen für all‘ diejenigen zur Verfügung, die sich ihr eigenes Gericht zubereiten (lassen) oder das kalt gewordene Mittag-/Abendessen aufwärmen möchten. Zu diesem Zweck gibt’s aber auch für die Unerschrockenen die schnelle und einfachere Mikrowelle. 
  • Morgens zum Frühstück wird jedem Läufer eine Portion des leckersten Joghurts der Welt kredenzt. Wie nur kriegen wir den Honig aus dem schmalen Nebenfach? Zunge zu kurz, Löffel zu breit, Fingernagel zu dreckig. Und wie komme ich mit List und Notlüge im Laufe des Tages an eine zweite Portion? Zugegeben, das sind wahrlich nicht die dringendsten Probleme eines Ultraläufers. Aber sie beschäftigten, wie sich in beiläufiger Konversation mit allmählich abnehmendem Tiefgang herausstellte, nicht nur mich. 
  • Belegte Brote, Obst, Nüsse, Kartoffelchips, Brezeln, Gebäck (inkl. köstlicher griechischer Spezialitäten), Kaffee, Tee, Kakao, Cola (und natürlich Trinkwasser) rund um die Uhr.

B07Die exakt 1 km lange Strecke mit Wendepunkt und Zählmatte nach ungefähr der Hälfte und Gegenverkehr im 2 x 400 m langen Außenbereich machte mir, eigentlich unvorstellbar, richtig Spaß. Man begegnet sich immer wieder. Manchmal gibt’s ein Lächeln, manchmal ein „Daumen hoch“. Und zuweilen unterrichtet man sich kurz und bündig über Befindlichkeit oder das Unterhaltungsprogramm, dem man sich gerade widmet („jetzt singt Tom Jones“ oder „Mikis Theodorakis – magst Du den auch?“ oder „ich höre und sehe gerade die Übertragung der Biathlon-Weltmeisterschaft in Südtirol“). Bei einem Teilnehmer vermute ich, dass er auf der Laufstrecke Geschäfte abwickelte, also dank Smartphone nebenbei seinem Broterwerb nachging („run office“ statt „home office“). Ultra extrem im digitalen Zeitalter! Man muss bedenken, dass die 5.000er ca. 2 Monate Urlaub benötigen. Sie waren durchweg noch nicht im Rentenalter. Ob wohl Beharrlichkeit und Ausdauer auch im Rentenalter weiterhin für eine solche Distanz Erfolgsaussichten bieten? Ich glaube nicht, dass ich das im nächsten Jahr ausprobieren werde.

B08 Athen

Zum ersten Mal war ich zeitweise mit Walkman unterwegs. Und bestimmt nicht zum letzten Mal! Das kann befeuern. In der Vollmondnacht (die Griechen hatten den vollen Mond – wohl extra für uns(!) – 4 Nächte hintereinander aufgehängt – solange sah man nämlich kaum eine Delle) drang Renée Fleming über meine Ohren direkt ins Herz mit ihrem „Song to the moon“. Und wenn Dich Unlust oder Müdigkeit überkommt, dann vermag ein flotter Rhythmus enorm zu helfen. Dennoch passierte es: Eines Nachmittags, also noch bei Tageslicht, erwachte ich, zunächst völlig desorientiert, stehend im Abseits auf einem größeren Platz. Nach dem Umdrehen erblickte ich den abgesteckten Kurs in wohl fast 20 Metern Entfernung. O Wunder und glückliche Fügung, dass ich stolperfrei zwischen den Pylonen hindurch gekommen bin. Das galt gleichermaßen für einen unbekannten Abschnitt des Weges vorher, denn ich hatte auch keine Ahnung, ob ich hin oder zurück unterwegs war. Demzufolge hatte sich mein Bewusstsein schon eine ganze Weile bei womöglich noch geöffneten Augen ausgeklinkt. Mit tatkräftiger Unterstützung meiner allesamt so liebenswerten Mitstreiter wurde mehrheitlich auf Rückweg getippt, was sich dann auch als richtig erwies. Dann ging ich erst mal schlafen.

Die Räume in der Sporthalle sind fensterlos. Tag und Nacht ist elektrisches Licht ein-, der natürliche Tagesrhythmus ausgeschaltet. Ich legte mich immer mit Augenklappe zum Schlafen nieder, wenn ich müde wurde (vom oben beschriebenen „Ausrutscher“ mal abgesehen). Und ich stand auf, wenn ich mich nach dem Aufwachen einigermaßen erholt fühlte, also alles ohne Zeitplan und ohne Wecker. Möglicherweise etwas undiszipliniert. Da bewundere ich einige sehr erfolgreiche konsequente Läufer mit Plan. Meine Schlafzeit schätzte ich grundsätzlich erheblich länger ein als es sich dann (dank Smartphone) herausstellte. Mehrmals passierte es mir, dass ich nach dem Aufwachen keine Ahnung hatte, ob die auf meiner Armbanduhr angezeigte Zeit für morgens oder abends, Tag oder Nacht stand. Auch musste ich immer wieder aufs Neue nach Datum und Lauftag eruieren.

Ich hatte das große Glück, den Raum von William Sichel (der hat sogar einen Wikipedia-Eintrag!) zu übernehmen, der die tausend Meilen anvisiert hatte und nebst Betreuerteam am Morgen unseres Starttages abreiste. Da gab’s einen kleinen Heizkörper und ein Feldbett, in welchem ich mich wie in einer Wiege fühlte. Himmlisch! Und keine menschlichen Laute weit und breit, auch sonst keinerlei Störgeräusche. WC, Waschgelegenheit und Dusche hatte ich für mich alleine – sozusagen 5-Sterne-Unterkunft! Um ehrlich zu sein: Die Dusche habe ich geschont. Hier war’s auch trotz Heizkörper, der fernab neben meiner Wiege etwas warme Luft in den großen hohen Raum blies, tierisch kalt. Auch das Wasser. Penible Hygiene war ja nur für die „strategisch“ wichtigen Körperteile ein Muss. Einer putzte sich die Zähne immer mal wieder unterwegs auf der Strecke, einer legte an seinem Tisch in der Halle bei Bedarf einen Duft aus der Sprühdose an. Famose Welt der Ultraläufer …

B09 EddaUnter den gefiederten Lebewesen hatte es sich sehr bald herumgesprochen, dass es den einen oder anderen Leckerbissen auf der Strecke gibt. Die komischen Menschengestalten essen beim Laufen oder laufen beim Essen und lassen deswegen auch schon mal ungewollt ein paar Brocken fallen, aber durchaus auch gewollt, wegen der Freude an den eifrigen putzigen Trophäenjägern. So versammelten sich kleine wie größere Vögel nach ihrer Nachtruhe schwerpunktmäßig vor dem Eingangsbereich zur Halle. Näherte sich ein Läufer, versuchten sie es zunächst mit Wegrennen. Bei den Kleinsten verwischt dabei der unglaublich flinke Bewegungsablauf der Beinchen, das ist so drollig. Ach, könnte ich doch jetzt fliegen, meinetwegen auch ähnlich schnell rennen, dachte ich so manches Mal nach fortgeschrittenem Laufpensum. Und dazu Tom Petty and the Heartbreakers mit ihrem „Learning to fly“ in den Ohren!

Eines späten Abends bewegte sich ein stattlicher Igel über die Lauffläche. Als ich mich ihm näherte, stellte er sich tot. Da halfen auch meine netten Worte nicht, er blieb stur. Erst nachdem ich weit genug weg war, „eilte“ er von dannen.

Besonders inspirierend erlebte ich die Sonnenaufgänge mit dem langsamen Erwachen der Natur, ebenso wie spektakuläre Farbschauspiele am Himmel bei Sonnenuntergang. Dazu die passenden Klänge im Ohr – wenn das nicht anspornt und das eine oder andere Zipperlein vergessen lässt!

B10 Abend

Einmal gab’s länger anhaltenden heftigen Streit um die Wetterhoheit zwischen den Bergen und dem Meer. Es kam ein Sturm mit Windstärke im oberen Bereich auf. Ich will jetzt nicht übertreiben und „12“ behaupten. Einige mit Schrauben im Pflaster befestigte Pylone riss es aus dem Boden, bei der Wendemarke kam ich nicht mehr gegen die Naturgewalten an. Da zog ich es vor, mich meiner Wiege hinzugeben, auch ohne müde zu sein.

Zwischen Veranstaltungsgelände und Meer verläuft eine Schnellstraße. Unbeschreiblich, wie sich dort die Kraftprotze austoben! Ob auf Motorrädern oder in getunten Autos – Ultra Mega Bass Sound System, ganz extrem und rund um die Uhr, offensichtlich geduldet in Griechenland. Ich fand’s abwechslungsreich, jeder Sound ein anderer, jeder Geist dahinter ein anderer (oder ein ähnlicher?), der Spaßfaktor schwappte rüber zu mir beim Abspulen von Kilometern, doch glücklicherweise nicht bis in die Ruheräume.

B11 Halle

Kaum zu glauben, aber ein 5000er „Spinnerter“ lief eines Tages auf einen der steilen Hügel am Rande der Laufstrecke hinauf und tönte mehrmals laut von oben herab in seiner Sprache „Wir alle sind Sieger“ – und das Laufvolk unten jubelte ihm begeistert mit hochgestreckten Armen zu. Ein paar Tage später wiederholte er das in der Sportarena – er stand trotz penibler Absperrung ganz oben unter der Decke. Mir ist es bis zum Schluss ein Rätsel geblieben, mit welcher Akrobatik er es bis dorthin schaffen konnte, und das mit mittlerweile schon müden Beinen und Sinnen! Und die Organisatoren waren entsetzt, teilten leider die Begeisterung mit uns Kämpfern nicht!

B13 1000k

B12 1000k

Dieses Bild und das nächste im Hochkantformat stammen von Joannis Chortis

An der 1000 Meilen-Marke erwarteten mich ein Fotograf und ein paar lustige Klatscher.

Split 6 Tage: 500 km

Split 1000 km: 303:01:38.863

Split 1000 Meilen: 527:35:28.993

Zeit 2000 km: 676:32:36.967

Auf meiner letzten Runde begleitete mich Daniele aus Rom. Er hatte mich heimlich gegen Ende meiner Laufzeit „unter Kontrolle“ und war rechtzeitig zur Stelle. Ich war überrascht und ganz gerührt. Ihn kannte ich schon von 2017 und verschiedenen weiteren Veranstaltungen danach. Und im Ziel wurde ich von Fotografen, mit einem riesigen Pokal, einer „2000-Torte“ sowie lautem Jubel empfangen.

B14 Fertig

Daniele (blau) und Costas (rot, einer der beiden „race directors“)

Da ich 2 Tage vor der offiziellen Schlusszeit frei war für andere Aktivitäten, verbrachte ich noch einen erholsamen und zum „Verdauen“ der Eindrücke bestens geeigneten Tag am Meer und konnte einen weiteren Tag für einen Ausflug zur Akropolis und nach Piräus nutzen.

Von den insgesamt 9 angetretenen 5.000 km-Läufern erreichten 4 die Distanz erfolgreich im vorgegebenen Zeitrahmen.

B15 Schiff

Piräus

Hier noch der weiter oben im Text versprochene Kommentar zum Begriff „Dayrunners“: Am 31.10.2010 war ich beim Jubiläumslauf „2500 Jahre Marathon“ dabei. Wir liefen auf der Strecke von Marathon nach Athen, welche der Legende nach der erste Marathonläufer in der Geschichte der Menschheit zurücklegte. Am Tag vor dem Marathon entdeckte ich in einer Ausstellung ein Gemälde von Luc-Olivier Merson, 1869: Pheidippides haucht nach dem Überbringen der frohen Botschaft vom Sieg über die Perser sein Leben mit dem Wort „Freude“ aus. Wie wunderbar für ihn, mit solch‘ tiefen heroischen Empfindungen zu den Göttern aufzusteigen – und wie viel besser für uns Extrem-Ultras in Athen im Jahr 2020, allesamt ohne bleibenden Schaden an der Gesundheit überlebt zu haben und uns auf weitere ähnliche Experimente freuen zu dürfen!

Es ist übrigens nicht belegt, dass Pheidippides der Überbringer dieser Botschaft war. Er wäre demnach von Athen nach Sparta, von dort nach Marathon und von Marathon nach Athen gelaufen. Allerdings könnte man sein Ableben nach einer so langen Strecke eher nachvollziehen als nach „nur“ knapp 40 Kilometern. Belegt ist aber sein Lauf von Athen nach Sparta. Er war somit auf jeden Fall der erste Ultramarathonläufer der Menschheit.

Im damaligen Griechenland gab es den Berufsstand „Tageläufer“ („dayrunner“). Die Tageläufer waren die schnellsten Boten im bergigen und zerklüfteten Land ohne Wegenetz. Die Übersetzung aus dem Griechischen heißt so viel wie „der einen Tag lang Laufende“ oder der „täglich Laufende“. Ein solcher bezahlter Laufbote war Pheidippides.

In meiner schon ganz stattlichen Schatzkiste der Erinnerungen hat sich dieser 2000er in Athen ziemlich breitgemacht. Auch den Spartathlon würde ich da gerne noch reinpacken, ist aber leider mittlerweile für mich illusorisch. Das hätte mir viel früher mal einfallen müssen.

Und zum Schluss noch ein paar Anmerkungen zu Griechenland:

Nicht nur Marathon, Ultramarathon und Olympische Spiele (also Vorläufer unserer heutigen sportlichen Großereignisse) hatten ihre Geburtsstunde in Griechenland. Auch Kultur, Kunst, Architektur, Theater, Dichtung, philosophisches Denken, Politik (die Demokratie wurde in Griechenland geboren), Sprache der griechischen Antike wirken bis heute ein auf die ganze Welt, insbesondere aber auf Europa. So gilt Homer als der größte epische Dichter aller Zeiten, Aristoteles als der größte Philosoph aller Zeiten. Aristoteles hat nicht nur die Philosophie, sondern weitere wissenschaftliche Disziplinen wie Logik, Ethik, Dichtkunst, Staatslehre und Physik beeinflusst. In der Dreiergruppe der Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides (galten als Künstler des Wortes) fand das antike Drama seinen Höhepunkt, Aristophanes galt als größter Dichter der alten Komödie, Theokrit als größter Dichter der Literatur in der hellenistischen Zeit. Hippokrates war der berühmteste Arzt des Altertums und begründete die Medizin als Wissenschaft (Teile des früheren Hippokratischen Eides der Ärzte haben bis heute Einfluss auf die moderne Formulierung dieser Eidesformel).

B17 OlympUnd erst die fantastische Welt der Olympischen Götter und Göttinnen! Ich suchte sie im Jahr 2005 auf zwei Gipfeln des Olymp (Mytikas, 2918 m, und Stefani, 2909 m), fand sie jedoch leider nicht.

Den Weg hinauf auf den Olymp zu den Göttern möchte ich abschließend, ebenso wie einen Besuch bei den „Dayrunners“ mit Teilnahme an einem ihrer Läufe (denen traue ich zu, dass sie nächstes Jahr noch eine Schippe drauflegen!), wärmstens empfehlen. Beides unvergesslich!

Ich schließe nicht aus, dass auch ich noch einmal dabei sein werde. Dazu fällt mir abschließend ein weiterer Grieche (Heraklit) ein, auf den sich „unser“ großer Goethe in diesem Gedicht bezieht:

Gleich mit jedem Regengusse

Ändert sich dein holdes Tal

Ach, und in demselben Flusse

Schwimmst du nicht zum zweiten Mal.

„Alles fließt“ – aber womöglich könnte ja das Wasser beim nächsten Mal noch lebendiger plätschern?

Text und Bilder: Michael Irrgang, 18.04.2020

Manchmal muss man einfach einmal neue Dinge ausprobieren und dabei bekannte und vertraute Grenzen überwinden. Eigentlich hätte am Donnerstag das Laufseminar am Sorpesee beginnen sollen, doch aktuelle Umstände erforderten eine Planänderung. So brach ich gegen 11 Uhr zu meiner „großen Radrunde“ auf, die ich früher selten, aber schon lange nicht mehr gefahren bin. Sie führt von Troisdorf, wo ich wohne, an den Rhein, dann auf der einen Seite den Rheinradweg südlich nach Koblenz und auf der anderen Rheinseite wieder zurück.

Nun also zu Fuß ohne Begleitung und ohne Support und anders herum als üblich, damit ich die schwierigen Passagen durch die Orte und Industriegebiete im Hellen bei vermuteter höherer Aufmerksamkeit hinter mich bringen kann. Einen Track hatte ich nicht, sondern wollte der Radbeschilderung folgen.

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Die ersten Kilometer führten mich auf meiner sehr schönen Hausstrecke an der Sieg entlang. Mein Rucksack wog 6 kg, da ich nur einen Einkaufs-Stopp nach ca. 9 Stunden eingeplant hatte.

Nach etwa 10 km erreichte ich den Rhein bei Bonn und damit den Radweg, der mich nun über Stunden führen sollte.

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Bei dem Blick auf das Siebengebirge wird mir klar, dass ich mir wirklich einen einfachen Plan überlegt hatte, denn es gibt ja auch weitaus anstrengendere Möglichkeiten, um von Bonn nach Koblenz zu kommen.

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Oft führt der gut laufbare Weg direkt am Wasser entlang und bot zahlreiche Motive auf den Rhein, der sehr wenig Wasser führte, schöne, touristisch geprägte, aber wie ausgestorben wirkende Orte oder die Auenlandschaften mit grünen Wiesen sowie schönen teils in voller Blüte stehenden Bäumen.

Menschen traf ich einige unterwegs, die meist mit dem Rad unterwegs waren oder bei angenehmen Temperaturen von über 20 Grad picknickten. Auf der Bonner Brückenrunde noch die meisten, unter anderem völlig überraschend Miriam, die, wie so oft, dort vormittags ihre Runden drehte.

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Von den vielen Bildern, die ich unterwegs machte, weil ich viele Eindrücke und Beobachtungen festhalten wollte, finde ich dieses besonders schön. Es zeigt so deutlich, dass wir Menschen soziale Wesen sind, die die Natur und die Sonne brauchen und zeigt ebenfalls, wie der Widerspruch zwischen Nähe und Distanz gelöst werden kann. Und das ganze bei Gegenlicht in der nachmittäglichen Stimmung irgendwo zwischen Linz und Bad Hönningen.

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Sehenswürdigkeiten gab es nicht viele unterwegs. Eher erkennt man anhand der Hafen- und Industrieanlagen, wie wichtig der Rhein als Transportweg für die Industrie war und immer noch ist. Dieser Römische Turm kurz hinter Bad Hönningen markiert den Limes und deutet auf das dortige Limesmuseum hin, welches einerseits mitten am Rheinsteig liegt, andererseits einen Endpunkt des Westerwaldsteiges markiert. Wer Einsamkeit auf einem gut markierten Weg sucht, wird hier fündig.

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Die Sperrung des Radweges an der Promenade von Neuwied zwang mich zur Umkehr und zu einem größeren Umweg, der mich an einen Supermarkt vorbeiführte, wo ich meine Vorräte auffüllen konnte. Ich war bereits 8 Stunden unterwegs, stets in der prallen Sonne und hatte bisher 2 Liter getrunken und 3 Riegel gegessen. Mein Plan bestand darin, zum einen so viel zu essen und zu trinken, wie in den Magen reinpasst und als Vorräte so viel mitzunehmen, dass es für weitere 100km in 16 Stunden reicht.

Man sollte meinen, dass man solche Rechnungen hinbekommen kann. Mir allerdings gelang es nicht, denn ich habe viel zu viel gekauft, bzw. habe ich deutlich weniger benötigt, als veranschlagt.

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Noch in Neuwied bot sich dieser tolle Blick auf den Pegelturm, der als reine „Schmuckarchitektur“ außer als Wahrzeichen für die Stadt keinerlei Sinn hat sowie die Autobahnbrücke im abendlichen Licht.

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Dann dämmerte es und plötzlich war es dunkel. In etwa 11 Stunden würde die Sonne wieder aufgehen. Das sind für mich die Momente, in denen ich kurz darüber nachdenke, ob das, was ich tue überhaupt irgendeinen Sinn macht.

Die nächsten 15 km bis Urbar sind nicht so schön. Es geht an Hauptstraßen und Industriegebiete vorbei, den Rhein sieht man über Stunden selten. Überwiegend kann ich mich nicht erinnern, ob ich hier schon einmal war, da ich ja sonst in die andere Richtung unterwegs bin, tagsüber und vor allen Dingen mit einer anderen Geschwindigkeit.

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Aber irgendwann kommt man in Ehrenbreitstein an und es geht über die Rheinbrücke nach Koblenz. Zur Bundesgartenschau 2015 wurde die Rheinpromenade aufwändig erneuert und ist wirklich schön geworden. Ich laufe gegen 22 Uhr entlang und treffe einige Nachschwärmer, die bei angenehmen Temperaturen noch unterwegs sind.

Einen kleinen Umweg über das Deutsche Eck nehme ich in Kauf, um am Fuße des Kaiser-Wilhelm-Denkmals das eher symbolische Ziel zu erreichen und den Nachtisch zu essen, der in Neuwied nicht mehr reinpasste. Jetzt nur noch zurück laufen, der Hinweg war mit 86 km etwas länger als geplant, ca 80 km sollten noch folgen. Hier hätte ich mich in den Zug setzen und nach Hause fahren können, aber einen wirklichen Plan B, also eine zufriedenstellende Mindestleistung oder eine Abkürzungsmöglichkeit gab es nicht.

Nach einer kurzen Pause, die ich auch nutzte, um mich mit Familie und Freunden auszutauschen, ging es weiter. Diese Form des Interesses und der Unterstützung fand ich hilfreich und motivierend – vielen Dank an dieser Stelle.

Nun kam der schwierige Teil der Tour. Ein bisschen hatte ich Angst, dass mir kalt werden würde. Dass ich zu wenig zu essen und zu trinken hätte, schien mir dagegen fast ausgeschlossen, selbst, wenn ich den kompletten Tag noch brauchen würde. Auch wenn die Beine etwas schwerer wurden, konnte ich im Wechsel zwischen laufen und gehen meist noch 7 Kilometer pro Stunden schaffen und kam wie geplant voran. Zu fotografieren gab es nicht viel und meine wenigen Versuche sind nicht wirklich gelungen.

In Andernach musste das letzte größere Hafen- und Industriegebiet durch, bzw. umlaufen werden und ich war überrascht, bei wie vielen Firmen um diese Uhrzeit (ca 3 Uhr) gearbeitet wurde.

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Gegen 6 Uhr entstand dieses Bild, irgendwo hinter Remagen. Erst früh am Morgen kam der Mond raus und die nahende Dämmerung bot etwas mehr Licht, was die Handykamera und insbesondere mein Gemüt dringend benötigte.

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Alle Bänke des Weges zogen mich magisch an. Meist blieb ich standhaft auf der Strecke, aber irgendwann saß ich dann in Bonn Mehlem wieder auf einer. Im Hintergrund wieder das vertraute Siebengebirge und wenn man genau hinschaut, kann man auf dem rechten „Berg“ sogar die Ruine Drachenfels erkennen. Jetzt nur noch einen Halbmarathon auf vertrauten Strecken, um die Runde zu vollenden. Klingt einfach, war es aber nicht.

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Mittlerweile wärmte die Sonne wieder ordentlich, aber einerseits scheute ich den Aufwand, mir die warme Nachtgarderobe auszuziehen, andererseits schien es mir auch nicht dringend erforderlich – jetzt wollte ich nur noch nach Hause. 2 Kilometer vor dem Ziel, auf dem Deich im Auenbereich der Sieg entstand dieses Bild.

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Endlich zu Hause! Nach 23:35 Stunden hatte ich die Runde über ca 167 km und 450 Höhenmeter beendet und wurde mit einem großartigen Frühstück empfangen. Welch Freude und Erleichterung! Bin sogar ein bisschen stolz, was zugegebenermaßen nicht oft vorkommt, denn im letzten Jahr habe ich bei zwei 24h-Läufen diese Kilometerleistung nicht geschafft.

Bleibt die Frage „Warum??????????“ eines guten Freundes. Eine profane Antwort ist, dass ich mich auf einen 6-Tage-Lauf vorbereite, der hoffentlich im Herbst stattfindet und ich davon ausgehe, dass es im Sommer keine 24h-Läufe gibt, die ich zur Vorbereitung nutzen könnte, aber dieser Gedanke ist natürlich nur vordergründig maßgeblich. Der wahre Grund liegt viel tiefer. Natürlich habe ich mir diese Frage auch gestellt. Vermutlich wissen alle meine Freunde und diejenigen, die ähnlich ticken, die Antwort auch so, aber ich erspare mir hier den Versuch den anderen meine Motivation zu erklären.

Ich bin froh, dass ich es gewagt habe, zu dieser Tour überhaupt aufzubrechen, sehr erleichtert, dass alles wie geplant funktioniert hat, bin mir aber aktuell nicht sicher, ob es jemals eine Wiederholung geben wird. Eher nicht. Das Magische an solchen Aktionen ist ja die Einmaligkeit der Premiere. Und „einfach“ war an der Tour eigentlich gar nichts.

 

Und das sollte sich lohnen, denn die Mannschaft der Männer der LG DUV 1 mit den Läufern Rudolph, Basten, Kohler errang dort mit nur etwa 4 Minuten Abstand einen sehr guten 2. Platz hinter dem FC Kaiserslautern Team und noch vor der LC Olympia Wiesbaden. Die 2. Mannschaft der LG DUV der Männer wurde übrigens in der Besetzung Ebbert, Zietlow und Mueller 8. Die Damen hatten leider keine Mannschaft zusammen bekommen. Hier die Einzelergebnisse: Männer: 1. Rene Strosny 3:23:02 2. Marian Jan Olejnik 3:24:38 3. Frank Stephan 3:27:01 17. Martin Rudolph 4:01:50 21. Soltau Basten 4:06:27 29. Steffen Kohler 4:15:51

Sorpesee Logo4Das für April geplante Seminar zum Thema "Grundlagen Ultralaufen & Trailrunning" haben wir letzte Woche abgesagt.
Mit der Absage unterstützen wir die Bemühungen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Den Teilnehmern werden wir die gezahlten Beträge komplett zurückerstatten.
Da uns das Bildungszentrum sehr gut gefallen hat und wir schon interessante Laufstrecken ausgesucht hatten, planen wir an gleicher Stelle 2021 das Seminar nachzuholen. Der Termin wird vermutlich in der Woche vor oder nach Ostern sein.
Vielen Dank für euer Verständnis
Michael Irrgang für das Präsidium, 17.03.2020
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